«Kühe leiden unnötig an diesen Wettbewerben»

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Schweizer Tierschutz«Kühe leiden unnötig an diesen Wettbewerben»

Viehschauen verkommen laut Schweizer Tierschutz zu «Cow Shows» – zum Leidwesen der Kühe. Die Aussage ist ein rotes Tuch für den Züchterverband.

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An Viehschauen geht es urchig zu und her – davon dürften Laien ausgehen. Doch wo früher Striegel und Bürste die Kühe schön machten, nähmen heute das «Kuhstyling und die Präsentation von Hochleistungskühen mit Rieseneutern zu», meldet der Schweizer Tierschutz STS. Eine Recherche des STS bei verschiedenen Anlässen habe zudem gezeigt: Es werde an den Viehschauen «mit tierschutzrelevanten und teilweise verbotenen Massnahmen nachgeholfen».

Happige Vorwürfe – zumal der Bund laut STS die Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Rinderzüchter (ASR) finanziell unterstützt – allein die Expo Bulle, eine der von der STS besuchten Veranstaltungen, habe 170'000 Franken Zustupf erhalten. Worum geht es konkret? «Kühe leiden unnötig an diesen Wettbewerben», sagt Julika Fitzi vom STS zu 20 Minuten. Vor allem zwei Problembereiche geben der Tierärztin zu denken: «Erstens halte ich die übervollen Euter der Tiere für sehr problematisch. Und zweitens das übermässige Zurechtmachen der Tiere, das zu schlimmen Szenen führt.»

Geschunden für die Schönheit

Zwar seien die Tier-Schauen gut organisiert, schreibt der STS. Doch überwiege ein «ein negatives Gesamtbild» – gerade wegen der «offensichtlich schmerzhaften Rieseneuter, welche nur mehr einen staksigen Gang der Tiere zulassen». Dies sei ein klarer Hinweis auf deutlich verlängerte Zwischenmelkzeiten, was laut Tierschutzverordnung verboten ist. Zudem seien die Zitzen der Kühe oft zugeklebt, «um Milchfluss infolge der überdehnten Euter zu unterbinden».

Das Styling gibt Tierärztin Fitzi ebenso zu denken: Die Kühe werden kahlgeschoren und rasiert – «auch am Euter, und selbst die Tasthaare am Kopf werden abgeschnitten, was bei Pferden verboten ist». Vier bis fünf Personen würden sich «im Akkord, oft während Stunden» eine Kuh stylen – und damit das Tier auch ruhig bleibt, werde es «in einer Zwangsvorrichtung fixiert, mit Halftern angebunden». Das sei psychisch und körperlich belastend, beim Rasieren komme es oft zu Verletzungen. Sprays, Lacks und Gels kommen laut Fitzi zum Einsatz. Die Tierärztin: «Diese Vermenschlichung ist entwürdigend. Es sind Tiere, keine Barbie-Puppen.»

«Sehr strapazierfähige Euter»

Markus Gerber, Präsident von Swissherdbook, dem grössten Rindviehzuchtverband in der Schweiz, sagt zu 20 Minuten, viele Behauptungen des STS seien «schlicht falsch». So hätten niemals so viele Kühe an der Schau in Bulle gelitten, wie es STS und «Kassensturz» behauptet hätten: «Es war ein Kantonstierarzt vor Ort, ausserdem vier weitere Tierärzte. Wenn das stimmen würde, dann hätte man ja fast alle Teilnehmer heimgeschickt.» Zu den Vorwürfen über den angeblich schmerzhaften Zustand der Euter sagt Gerber: «Das sind Hochleistungskühe mit sehr strapazierfähigen Eutern. Keine Kuh darf mit mehr Milch laufen, als sie nach dem Kalbern im Euter haben könnte.»

Gerber räumt ein, dass es «einzelne schwarze Schafe» gebe unter den Züchtern. Ihnen scheint das gute Abschneiden ihrer Tiere auf dem Cow-Walk wichtiger als deren Wohl. Sind es wirklich nur einzelne schwarze Schafe – oder braucht es vielleicht nicht doch weitere Massnahmen? Gerber: «Es braucht eine Verschärfung bei den Kontrollen. Wie das umgesetzt wird, besprechen wir derzeit in einer internen Arbeitsgruppe.»

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