Krank vom Arbeiten«Meine Patienten sind wie ausgepresste Zitronen»
Die Zahl der Jobausfälle durch Krankheit hat ein Rekordhoch erreicht. Schon junge Angestellte sind psychisch und physisch am Ende.
Den Schweizer Arbeitnehmern geht es schlechter denn je. Bereits 2014 verzeichnete das Bundesamt für Gesundheit eine drastische Zunahme von berufsassoziierten Gesundheitsstörungen. Nun hat sich die Situation verschärft. Laut einer neuen Analyse der Krankenkasse Swica steigt die Zahl krankgeschriebener Mitarbeiter kontinuierlich. «Rückblickend auf die letzten zehn Jahre stehen wir auf einem Rekordwert», berichtet Swica gegenüber SRF. In 32 Prozent lägen psychische Erkrankungen und in 30 Prozent Beschwerden am Bewegungsapparat, etwa Rückenschmerzen, den Fehlzeiten zugrunde.
Andere Krankenkassen machen ähnliche Befunde. Zwischen 2009 und 2015 hätten die Anzahl der Fälle und die Kosten im Bereich Krankentaggeld zugenommen, sagt Stefan Heini, Leiter Medienstelle bei Helsana. «Am höchsten sind die Ausgaben in den Bereichen ‹psychische Leiden› und ‹Probleme mit dem Bewegungsapparat›.» Auch Claudia Jenni, Sprecherin der Sanitas Krankenversicherung, berichtet: «Unsere Fachspezialisten stellen eine steigende Tendenz von Ausfällen am Arbeitsort fest.»
Krank wegen Überstunden
Ärzte bekommen dies stark zu spüren. Christoph Bovet, Hausarzt in der Praxis Ärzte am Rosenberg fällt auf: «Zu uns kommen in den letzten Jahren immer mehr Patienten, die sich ein Arztzeugnis ausstellen lassen wollen.» Betroffen seien viele Arbeitnehmer zwischen 20 und 45 Jahren. Einige seien wie ausgepresste Zitronen. «Im Job müssen sie nur noch strampeln.» Oft berichteten seine Patienten, dass sie viel Arbeit mit weniger Personal erledigen müssten. Dazu kämen unfreundliche Vorgesetzte und Kollegen.
Die Folgen der Belastungen am Arbeitsplatz: Burn-outs, seelische Tiefs, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Rückenprobleme. «Da viele Arbeitnehmer etliche Überstunden leisten, haben sie ihre körperliche Gesundheit vernachlässigt.» Er habe auch Patienten mit Alkoholproblemen erlebt. «Sie spülten den Stress mit Trinken herunter.» Besonders schlecht gehe es den älteren Patienten. «Nudelfertige 55- bis 60-Jährige werden früher oder später aufgrund ihres Alters auch noch entlassen und finden kaum mehr einen Job.»
«Unternehmen könnten Milliarden sparen»
Thomas Mattig, Direktor Gesundheitsförderung Schweiz, berichtet, dass viele Absenzen stressbedingt sind. «Gemäss unseren Zahlen könnten die Unternehmen im Stressbereich mit präventiven Massnahmen rund 5 Milliarden einsparen.»
Die meisten Firmen würden Symptome nur an der Oberfläche beheben, sagt Michael Sonntag, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Stattdessen sollte das ganze Arbeitssystem überdacht werden. «Es braucht mehr Dynamik, weniger Kontrolle und mehr Selbstbestimmung.»
Besorgte Arbeitgeber
Niklas Baer, Leiter der Fachstelle Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland, zweifelt jedoch an einer zunehmend krankmachenden Arbeitswelt. «Heute werden Arbeitnehmer bei psychischen Problemen eher krankgeschrieben als früher.» Arbeitnehmer wie Arbeitgeber seien bei psychischen Problemen häufig überfordert. Sie wüssten nicht, wie sie auf Schwierigkeiten reagieren sollten. «Oft ziehen die Chefs externe Hilfen zu spät bei.»
Laut Roland A. Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, bereitet die Zunahme der Absenztage auch den Arbeitgebern Sorge. Durch die hektischer gewordene Arbeitswelt seien sie gefordert, Arbeitsbedingungen ohne gesundheitsschädigenden Druck zu schaffen. Im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements kämen die Arbeitgeber ihrer Verantwortung nach.
Haben Sie sich durch den Stress im Job auch krankschreiben lassen? Dann melden Sie sich hier und erzählen Sie uns Ihre Geschichte:

Gesundheit am Arbeitsplatz
«Friendly Work Space» der Gesundheitsförderung Schweiz. Es bescheinigt Firmen, dass ihr Arbeitsumfeld von Respekt und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern geprägt ist. In einer Serie berichtet 20 Minuten von Juni bis Dezember 2016 über die Thematik Gesundheit am Arbeitsplatz. Dabei werden Aspekte wie Burnout, Arbeit im Grossraumbüro oder Vereinbarkeit von Familie und Karriere beleuchtet.
Patrons pfeifen auf Gesundheit der Arbeitnehmer
In der jüngsten Umfrage der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz belegt die Schweiz im europäischen Vergleich den drittletzten Platz, was die regelmässig durchgeführten physischen und psychischen Gefährdungsbeurteilungen am Arbeitsplatz und Gefährdungsbeurteilungen betrifft.
Die nationale Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz lädt am 24. August 2016 ein zur nationalen Tagung für betriebliches Gesundheitsmanagement an der Universität Irchel in Zürich. Im Zentrum steht unter anderem folgende Frage: Wie schaffen Unternehmen ein motivierendes Umfeld, worin Mitarbeitende bereit sind, Überdurchschnittliches zu leisten, ohne sich dabei zu verausgaben?