«Mit ihren Vätern haben Kinder mehr Spass»

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Erziehung«Mit ihren Vätern haben Kinder mehr Spass»

Was ist ein guter Papa? Dieser Frage geht die Psychologin Ulrike Ehlert nach. Den Müttern rät sie, den Vätern nicht immer in die Erziehung dreinzureden.

D. Pomper
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D. Pomper

Frau Ehlert, Väter erziehen ihre Kinder anders als Mütter. Welches sind die grössten Unterschiede?

Die Erfahrung zeigt, dass Väter etwas grosszügiger und toleranter sind mit ihren Kindern. Sie sehen vieles lockerer. Wirft das Kind seine schmutzigen Schuhe in die Ecke, macht das dem Papi grundsätzlich weniger aus als der Mama. Papas essen mit ihren Kindern auch mal vor dem TV Pizza oder liefern sich Wettkämpfe auf der Spielkonsole oder auf dem Fussballfeld und alle sind happy. Der Spassfaktor ist wichtiger. Ihr Anspruch ist ein geringerer. Väter sind auch weniger ängstlich, machen sich weniger Sorgen, sind spontaner und lassen ihren Kindern mehr Freiraum. Frauen dagegen haben einen konsequenteren, strengeren Erziehungsstil. Kurz: Mit ihren Vätern haben Kinder mehr Spass.

Strenges Mami, lockerer Papi – wo haben Sie diese Beobachtung sonst noch gemacht?

Ich habe lange in einem Spital gearbeitet und folgende Beobachtung gemacht: Begleiteten mehrheitlich Mütter ihre Kinder, waren die Zimmer ordentlich und sauber, doch die Stimmung angespannt. Waren die Väter in der Mehrzahl, herrschte pures Chaos, aber alle waren gut drauf, so ein bisschen wie im Pfadilager.

Ist es denn gut, wenn ein Vater sein Kind so erzieht?

Das Wichtigste ist, dass es den Kindern gut geht und das Kind eine Beziehung zum Vater aufbauen kann. Ausserdem lernt das Kind so auch ein anderes Rollenbild kennen.

Auch wenn der Mutter dabei alle Haare zu Berge stehen?

Genau da muss man ansetzen. Mütter sollen akzeptieren, dass Väter ihre Kinder anders erziehen als sie selber. Viele Mütter wollen den Erziehungsstil definieren und ihn den Vätern aufzwingen. Sie kritisieren sie dafür, dass sie es nicht so machen, wie sie es wollen.

Die Männer haben folglich das Gefühl, es nicht richtig zu machen und sind frustriert. Ich appelliere an mehr Toleranz. Die Frauen werden auch kaum mehr darum herumkommen.

Weil sich die Rollenteilung verändert hat?

Immer mehr Frauen sind berufstätig und müssen die Erziehungsarbeit aus der Hand geben, auch an den Vater. Lassen sie ihnen nicht den nötigen Freiraum, führt das unweigerlich zu Beziehungsstress.

Doch ist es nicht problematisch, wenn die Elternteile verschiedene Erziehungsstrategien verfolgen?

Es besteht die Gefahr, dass Kinder beginnen, ihre Eltern auszuspielen. Bekommt es beim Papa das, was Mama verboten hat, entstehen natürlich Konflikte. Wichtig ist, dass man bei zentralen Erziehungsfragen am gleichen Strick zieht. Sonst wird das Kind dieses Verhaltensmuster auch später in verschiedenen Lebensbereichen immer wieder anwenden.

Was für einen Einfluss hat der Vater eigentlich auf die Entwicklung eines Kindes?

Dieser Frage wollen wir in unserer Studie auf den Grund gehen. Denn die Wissenschaft hat dieses Thema bisher völlig vernachlässigt – im Gegensatz zur Mutter-Kind-Beziehung. Dabei spielt der Einfluss von Vätern oder Vaterfiguren eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Kinder. Inzwischen weiss man zum Beispiel, dass sich das psychische Befinden eines frischgebackenen Vaters auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. Leidet er an einer Depression nach der Entbindung, verlangsamt sich die motorische, emotionale und kognitive Entwicklung des Kindes. Es lernt also etwa später laufen oder sprechen.

Was ist denn ein guter Vater?

Der ideale Papa ist der, der sein Kind auch mal vom Kindergarten oder der Schule abholt, mit ihm spielt und auch während der Pubertät ein offenes Ohr für es hat. Er arbeitet Teilzeit, beteiligt sich aktiv an der Erziehung und entwickelt eine stabile Beziehung zu seinen Kindern. Der gute Vater ist keine Kopie der Mutter, sondern packt die Dinge auf seine Weise an.

Der Mann muss sich also einmal mehr neu erfinden.

Und das ist nicht einfach. Viele Männer haben auch Versagensängste. Sie sollen weiterhin den grössten Teil des Geldes verdienen, bei der Familie stärker mitmachen und sich mit um die Kinder kümmern. Und auch viele Frauen haben ein Problem damit, wenn sich Väter plötzlich stärker in der Erziehung engagieren. Ein befreundeter Vater, der sich um seine Kinder gekümmert hat, wurde von anderen Müttern angefahren, ob er denn eigentlich Witwer sei. Hier muss ein Wandel stattfinden.

Wie?

Etwa indem die Arbeitgeber mehr Verständnis dafür entwickeln, dass Väter eine längere Auszeit nehmen, um sich um die Familie zu kümmern. Wenn beide berufstätig sind, kann es nicht sein, dass immer die Mutter zu Hause bleiben muss, wenn das Kind krank ist.

Glauben Sie, dass sich in den nächsten Jahren ein Wandel vollziehen wird?

Vor 15 Jahren sah man in der Schweiz kaum Väter einen Kinderwagen schieben, während dies in den skandinavischen Ländern üblich war. Zumindest in den Städten ist dieses Bild hierzulande keine Ausnahme mehr. Sogar Grossväter kümmern sich stärker um die Betreuung ihrer Enkelkinder und fahren sie im Kinderwagen spazieren.

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Väter gesucht

Heute startet die Universität Zürich eine Pionier-Studie zum Thema «Was macht einen guten Papa aus?». Unter der Leitung der Zürcher Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert wird die Rolle der Väter in der Schweiz, Deutschland und Österreich erforscht.

Interessierte Männer können unter www.vaterumfrage.org an der anonymen Umfrage teilnehmen. Mitmachen können alle Männer, die Vater sind oder eine Vaterrolle für ein Kind übernommen haben, etwa als Stiefvater, Adoptivvater, Pflegevater oder Lebenspartner einer Frau mit Kindern. Die Studie möchte ermitteln, welche Faktoren eine gelungene Vaterschaft begünstigen und zu einer gesunden Entwicklung des Kindes beitragen.

Ulrike Ehlert studierte Psychologie und Soziologie an der Universität in Trier, wo sich 1999 habilitierte. Darüber hinaus ist sie Psychotherapeutin und Supervisorin für Kognitive Verhaltenstherapie. Seit 1999 ist sie Ordinaria für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Zürich.

Ihr eigener Vater war «sehr streng und katholisch, so wie das in den 60er Jahren wohl sehr häufig war», sagt Ehlert.

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