Fehlende Pestizide«Notstand» – Bauern fürchten um Rosenkohl
Die weisse Fliege hat den Rosenkohl im Berner Seeland befallen. Die Bekämpfung ist schwierig, weil es an Schutzmitteln fehlt. Die Situation wird sich in Zukunft verschärfen.
Was die weisse Fliege mag, kommt bei manchen Konsumenten nicht an. Für sie ist Rosenkohl ein bitteres Gemüse, das nur selten auf dem Tisch landen soll. Food-Blogger hingegen verehren das Gemüse wegen seines Gehalts an Vitamin C und Zink. Bisher kam 70 Prozent des Rosenkohls in der Schweiz aus einheimischer Produktion – das könnte sich bald ändern.
Im Berner Seeland, wo ein Grossteil des Schweizer Rosenkohls produziert wird, haben die Bauern mit der weissen Fliege zu kämpfen. Wegen der warmen Temperaturen hat sie sich dieses Jahr rasant vermehrt. «Wir haben einen aussergewöhnlich hohen Befall, insbesondere beim Rosenkohl», sagt David Brugger vom Schweizer Bauernverband. Er spricht gar von einem «Notstand».
Verlagerung ins Ausland ist möglich
Der Anbau sei infrage gestellt, weil das Risiko für die einzelnen Betriebe zu gross sei. «Da schwankende Ernten auch für die Verarbeiter ein Problem sind, kann es zur Verlagerung ins Ausland kommen», so Brugger.
Von der Plage betroffen ist zum Beispiel Landwirt Reto Minder. Er baut im Seeland eine grosse Menge an Rosenkohl an. Wie stark seine Ernte in diesem Jahr betroffen ist, könne er derzeit noch nicht abschätzen. Einige seiner Kollegen hätten jedoch bereits einen Teil ihrer Flächen vernichten müssen.
Zugelassene Schutzmittel sind nicht wirksam
Ein Grund für die Invasion der weissen Fliege ist, dass der Bund dieses Jahr das wirksamste Schutzmittel gegen sie neu beurteilt und dann zurückgezogen hat. Die noch zugelassenen Mittel sind bei warmen Temperaturen nicht wirksam. «Das Risiko eines Ausfalls steigt, da immer weniger Spritzmittel zugelassen sind», so Minder.
Von einem Verzicht auf die Produktion von Rosenkohl will er aber nichts wissen. «Es kann nicht das Ziel sein, die Produkte zu importieren. Damit schieben wir die Verantwortung ab.» Besser seien Lösungen mit den Marktpartnern und den Behörden.
Konsumenten sollen toleranter sein
Als Alternativen zu Schutzmitteln sieht er je nach Fall Nützlinge wie die Schlupfwespe oder Techniken zur Verwirrung von Schädlingen, beispielsweise mithilfe von Lockstoffen. Minder fordert aber auch mehr Toleranz von Konsumenten und Detailhändlern. Denn die Fliegen, die möglicherweise am Rosenkohl hängen bleiben und mit ihm im Ladenregal landen, könne man leicht abwaschen. «Lebensmittel sind keine industriellen Güter», sagt Minder.
Der Bundesrat hat kürzlich einen Aktionsplan verabschiedet, mit dem er das von Schutzmitteln ausgehende Risiko reduzieren will. Lutz Collet, Leiter der Zentralstelle für Gemüsebau am landwirtschaftlichen Institut in Grangeneuve, prognostiziert deshalb, dass es in Zukunft im Zusammenspiel mit dem Klimawandel vermehrt zu solchen Befällen kommen kann.
«Es braucht eine Diskussion»
«Damit müssen wir leben lernen», sagt Collet. Anhand des aktuellen Falls mit dem Rosenkohl könne man versuchen, ein Beispiel zu statuieren, wie man in solchen Fragen weiterkommt. «Dazu braucht es eine Diskussion, wie Ansprüche der Konsumenten und des Einsatzes von Schutzmitteln gegeneinander abgewogen werden sollen», so Collet.
Was ist die weisse Fliege?
Die weisse Fliege ist unter Fachleuten als Kohlmottenschildlaus bekannt. Sie befällt insbesondere Kohlarten. Durch die Ablage von Eiern und die Ausscheidung von Sekreten wird die Qualität des Rosenkohls beeinträchtigt. Die Sekrete sind zudem ein Nährboden für den Schwärzepilz.