2500 Fr. auf die Hand«Was ist denn an der Faulheit so schlecht?»
Kreativer, entspannter, gerechter: Arbeitspsychologe Theo Wehner erklärt, was das bedingungslose Grundeinkommen mit uns machen würde. Und warum er dennoch skeptisch ist.

Würden wir alle in der Hängematte liegen und faulenzen, wenn uns der Staat 2500 Franken schenken würde? Nein, glaubt Arbeitspsychologe Theo Wehner.
Wieso arbeiten wir?
Der Mensch ist ein tätiges Wesen. Unser Denken würde sich gar nicht entwickeln, wenn wir untätig wären. Erfahrungen mit Waisenkinder haben gezeigt: Wenn man sie im Spital nur mit Nahrung versorgt, ihnen aber keine Beschäftigung gibt, verkümmern sie in kürzester Zeit. Zusätzlich gilt: Wir leben in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft auch davon, dass wir für unseren Beitrag zum Allgemeinwohl Anerkennung bekommen.
Dennoch: Würde ein garantiertes Grundeinkommen nicht faul machen?
Nein. Wir sind alle Sinnsuchende. Selbst in unserer Leistungsgesellschaft suchen sich viele Leute Bereiche ausserhalb des Arbeitsplatzes, wo sie ihre ureigensten Bedürfnisse entfalten und etwa hervorbringen können. Wieso leisten sie denn gemeinnützige Arbeit am Abend – in einer Zeit, in der sie auch drei Überstunden absitzen und zusätzliches Geld verdienen könnten? Viele Menschen bekommen am Arbeitsplatz nur durch den Lohn eine Form von Anerkennung. Die Anerkennung für Leistungen in der Familie, im Freundeskreis oder in einem Verein befriedigt uns viel mehr. Das Grundeinkommen wäre eine Möglichkeit, solche Leistungen auch finanziell zu honorieren. Um grundsätzlich auf Ihre Frage zurückzukommen: Was ist denn an der Faulheit so schlecht?
Sie widerspricht unserem modernen Arbeitsethos.
Ja, genau. Wir haben die Faulheit in unserer Arbeitsgesellschaft abgewertet. Dabei sind Musse und Müssiggang alles andere als ein Übel. Wenn wir auf Dauerleistung schalten, überfordern wir uns selber. Wir müssen eine Balance finden zwischen Spannung und Entspannung. Das Denken, das Fantasieren sind beim Faulenzen ja nicht abgeschaltet. Das sieht man am besten bei kreativen Leuten.
Schön und gut. Aber zeigt nicht gerade das heutige System auf, dass es sich viele Leute lieber mit dem Arbeitslosengeld bequem machen, als beim Generieren von Wohlstand zu helfen?
Doch. Aber genau aus diesem Grund brauchen wir ein neues Verhältnis zur Arbeit. Die heutige Gesellschaft hat auch Leute hervorgebracht, die antriebslos sind. Ihnen bekommt die Routine am Arbeitsplatz nicht. Sie klinken sich aus der Leistungsgesellschaft aus, werden krank und arbeitslos. Es stimmt: Diese Leute nutzen die Zeit häufig nicht, um Kreatives auf die Beine zu stellen. Aber das liegt vor allem daran, dass sie gesellschaftlich ausgegrenzt werden und mit dieser Kränkung fertig werden müssen. Wir sind nicht dazu geboren, Sozialschmarotzer zu sein und den ganzen Tag in der Kneipe zu sitzen. Wir wollen etwas produzieren.
Diese Lust am Produzieren hat bei uns auch ohne Grundeinkommen zu einem hohen Wohlstand geführt.
Wir arbeiten heute doppelt so effizient wie vor dreissig Jahren. Aber der Produktivitätsgewinn wird nicht gerecht an die Gesellschaft verteilt. Die Vollbeschäftigung ist ein Mythos, an dem Politiker hartnäckig festhalten. Die Unternehmer haben daran gar kein Interesse: Je weniger Leute sie anstellen müssen, umso höher ist ihr Gewinn. Das Grundeinkommen würde für eine gerechtere Verteilung des Wohlstands sorgen.
Gegner des Grundeinkommen bemängeln, dass niemand mehr die unattraktiven Jobs machen würde. Wieso sollte auch jemand für 3000 Fr. putzen gehen, wenn er ohne Arbeit schon 2500 Fr. bekommt?
Das stimmt. Aber genau das wäre der grosse Fortschritt: Dass niemand des Geldes wegen einen Job ausüben muss, der seinem Anspruch nach Sinn nicht entspricht. Es gäbe drei Möglichkeiten, was mit unattraktiven Jobs passieren würde. Erstens: Sie würden wegrationalisiert. Zweitens: Wir müssten das Unangenehme selber erledigen. Oder drittens: Die «schlechten» Jobs müssten finanziell und von den Arbeitsbedingungen her so aufgewertet werden, dass sich Leute finden, die sie erledigen wollen. Heute können sich nur die privilegiertesten Leute erlauben zu sagen: Danke fürs Angebot, aber der Job ist einfach nicht attraktiv genug.
Sie selber haben Zweifel geäussert, ob der heutige Mensch überhaupt reif für die Utopie eines bedingungslosen Grundeinkommens ist – ist das ein ähnliches Problem wie jenes des Kommunismus, der sich einen neuen Menschen auch erst hätte erschaffen müssen?
Im real existierenden Soziaismus gab es viele Fehler. Einer der gravierendsten war, dass die Menschen hätten umerzogen werden müssen, was etwa zu den Verheerungen der chinesischen Kulturrevolution führte. Dem Grundeinkommen liegt ein anderes Menschenbild zugrunde: Dass grundsätzlich jeder in der Lage ist, Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen. Und dass es nicht weniger Wert hat, die eigenen Kinder zu erziehen, als im Büro Karriere zu machen. Aber klar ist: Würde das Grundeinkommen derzeit eingeführt, wären wir heillos überfordert. Wir sind anders sozialisiert. Die Schweizer von heute haben ja schon Angst vor sechs Wochen Ferien, weil sie nicht wissen, was sie mit der zusätzlichen Zeit anstellen würden – oder befürchten, dass es die Wirtschaft nicht verkraftet.
Wenn die Schweizer schon für eine zusätzliche Ferienwoche zu «vernünftig» sind: Was bringt dann derzeit überhaupt eine Debatte zum viel weiter gehenden Grundeinkommen?
Niemand ist so blauäugig zu glauben, dass die Initiative heute eine Chance hat. Aber utopische Ideen brauchen immer Zeit. Die Idee eines Grundeinkommen ist seit 500 Jahren – seit Thomas Morus' Utopia – in der Welt, viele Ökonomen haben sich seither Gedanken dazu gemacht. Die Initiative gibt Denkanstösse: Wie gehen wir mit unserem Wohlstand um – und wie mit einer Arbeitswelt, die viele von uns unglücklich macht? Die Schweiz ist aufgrund ihrer direkten Demokratie, die den Bürger einbindet, prädestiniert dazu, diese Debatte zu führen. Es geht dabei nicht um die absolute Wahrheit, sondern um die kritische Abwägung der Argumente. Es ist deshalb nicht zielführend, wenn Politiker das Begehren reflexartig ablehnen. Ich bin als Arbeitspsychologe an einer Humanisierung der Arbeit interessiert. Es ist nicht human, wenn 30 Prozent der spanischen Jugendlichen keinen Job haben. Und wenn Frauen noch immer weniger Geld für den gleichen Job erhalten.
Und da ist das bedingungslose Grundeinkommen ein Allheilmittel?
Solche Ungerechtigkeiten wären zumindest schwerer aufrechtzuerhalten. Aber auch ich habe meine Zweifel. Das Grundeinkommen setzt sehr stark auf das Individuum und stellt sich damit in die Tradition einer fortschreitenden Individualisierung, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Vorher war klar, dass der Metzgersohn Metzger wurde und welche Frau er heiraten sollte. Das ist heute zum Glück anders. Doch eine Gesellschaft hat nicht nur die Aufgabe, die Freiheit des Einzelnen zu sichern. Sie muss auch Wege finden, einen starken gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen. Der ging in den letzten Jahrzehnten etwas verloren – etwa durch die Ausgrenzung der Armen oder von Ausländern. Ich bin nicht sicher, ob das Grundeinkommen die Individuen wirklich wieder solidarischer macht; der Anspruch jedoch ist formuliert.
Und auch die Finanzierung eines Grundeinkommen ist ein grosser Knackpunkt.
Die Milliarden für die Behebung der von den Banken verschuldeten Finanzkrise waren auch da. Die Ökonomen, aber auch andere Wissenschaftsgattungen sind jetzt gefordert, Antworten auf die Frage zu finden: Was bedeutet die Provokation eines bedingungslosen Grundeinkommens für meine Disziplin?

Theo Wehner (63) ist seit 1997 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich.