«Wir wollen mit dieser Kampagne aufrütteln»

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Safer Sex ohne Gummi«Wir wollen mit dieser Kampagne aufrütteln»

Ungeschützter Sex trotz HIV: Die neue Werbekampagne der Aids-Hilfe verblüfft und provoziert. Hauptsache, Sexpartner reden miteinander, findet Präsidentin Doris Fiala.

A. Bättig
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A. Bättig

Im Text zu Ihrer neuen Kampagne steht, dass ungeschützter Sex mit einem HIV-Positiven möglich sei (siehe Box). Verharmlosen Sie die Gefahren von Aids?

Doris Fiala*: Nein. Unsere Kampagne sagt klar, dass in erster Linie die Safer-Sex-Regeln beachtet werden sollen. Aber wer HIV-positiv ist, die Medikamente pflichtbewusst einnimmt und von einem Arzt hat feststellen lassen, dass das Virus nicht mehr nachgewiesen werden kann, kann heute ungeschützten Sex haben.

Ist jetzt angesichts der zunehmenden Ansteckungen wirklich der richtige Zeitpunkt, ungeschützten Sex zu propagieren?

Ja. Weil es in der Kampagne darum geht, dass die Partner miteinander reden sollen – über Verhütung, auch über HIV. Wer natürlich ständig neue Sexpartner hat, der soll sich nach wie vor mit einem Kondom schützen.

Die Kampagne wirbt mit «Fuck positive» und zwei Männern, die Sex haben. Braucht es diese Provokation?

HIV führt mit den heutigen Medikamenten meist nicht mehr zum Tod. Daher wird es leider verharmlost. Wir wollen aufrütteln!

Die Kampagne richtet sich an Schwule, doch die Message nehmen alle wahr. Ist das geschickt?

Noch immer sind 45 Prozent der HIV-Neuinfektionen so genannte MSM, also Männer, die Sex mit Männern haben. Unsere Aktion sollte sich deshalb explizit an die Schwulen-Szene richten.

*Doris Fiala ist Präsidentin der Aids- Hilfe Schweiz und FDP-Nationalrätin.

Die Kampagne

In ihrer neusten Kampagne provoziert die Aids-Hilfe Schweiz mit dem Slogan «Fuck Positive». Im Text steht, dass ungeschützter Sex mit einem HIV-Positiven möglich sei – sofern dieser «therapiert wird und er gut auf die Therapie anspricht». Immunologe Beda Stadler findet dies problematisch: «Diese Botschaft birgt schon die Gefahr, dass die Leute unvorsichtig werden.» Doch auch Stadler sagt: «Wenn das Virus durch eine Therapie nicht mehr nachgewiesen werden kann, ist das Risiko einer Ansteckung verschwindend klein.» Derzeit leben rund 25 000 Menschen mit dem HI-Virus in der Schweiz. Laut Schätzungen sind in den grossen Schweizer Städten etwa 15 Prozent der Männer, die Sex mit Männern haben, HIV-Positiv.

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