«Viele unterschätzen die Hochwassergefahr»

Aktualisiert

Fotoarchiv erinnert an Überschwemmungen«Viele unterschätzen die Hochwassergefahr»

Vier von fünf Schweizer Gemeinden waren in den letzten Jahren von Überschwemmungen betroffen. Solche Ereignisse sollen nun auf einer Plattform festgehalten werden.

qll
von
qll
So sah es Anfang Jahr in Clos du Doubs JU aus. (Aufnahme vom 23.01.2018)
In Olten an der Zielempgasse 10 konnte man sehen, wie hoch das Wasser im Jahr 2005 im Vergleich stand. Die Starkniederschläge Ende August 2005 führten in vielen Teil der Schweiz zu grossen Überschwemmungen. (Aufnahme vom 22.08.2005)
In Bern an der Wasserwerkgasse 7 sah es nach dem Hochwasser, das für rund drei Milliarden Franken Gesamtschaden in der Schweiz sorgte, so aus. (Aufnahme vom 22.08.2005)
1 / 7

So sah es Anfang Jahr in Clos du Doubs JU aus. (Aufnahme vom 23.01.2018)

Strassen voller Schlamm, Wasser, das nicht mehr abfliessen kann, und Hänge, die rutschen: Solche Ereignisse werfen hohe Wellen. Doch schon nach wenigen Jahren verblassen die Erinnerungen an das Geschehene. Dies möchte das Mobiliar Lab für Naturrisiken der Uni Bern ändern. Es baut mit dem «Kollektiven Überschwemmungsgedächtnis» eine interaktive Bilderdatenbank zu Hochwasserereignissen in der Schweiz auf.

«Vier von fünf Schweizer Gemeinden waren in den vergangenen 40 Jahren von Überschwemmungen betroffen», sagt Rouven Sturny vom Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern. Das «Kollektive Überschwemmungsgedächtnis» helfe, auch kleinere Ereignisse nicht zu vergessen: «Im Gedächtnis haften bleiben oftmals Ereignisse, die entweder grosse Landesteile betreffen, wie beispielsweise das Hochwasser von 2005, oder die punktuell sehr hohe Intensitäten aufweisen, wie beispielsweise der Bergsturz von Bondo im letzten Jahr.»

Man wird sich an Dielsdorf und Lausanne erinnern

Aktuelle Ereignisse, die vermutlich im Gedächtnis bleiben werden, seien die Überschwemmungen in Dielsdorf und Lausanne. «Erstere aufgrund der hohen Schadensummen und letztere aufgrund der hohen Anzahl beeinträchtigter Personen am Bahnhof», erklärt Sturny. Sowieso sei die Plattform in den letzten Tagen mehr aufgerufen worden: «Fotos der letzten Tage haben wir aber bisher noch keine erhalten.»

Doch genau das sei wichtig: «Wir sind auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen. Je mehr Fotos wir haben, desto mehr kann das Bildarchiv seinen Nutzen entfalten. Jeder ist also eingeladen, uns Bilder zu schicken. Beispielsweise von den Ereignissen der letzten Tage.» Die bisherigen Bilder seien aus bestehenden Bildbeständen in Archiven und Verwaltungsfachstellen zusammengetragen worden.

Persönliche Hochwassergefahr wird unterschätzt

Mit der Plattform würden mehrere Ziele verfolgt: «Einerseits wollen wir der Bevölkerung die Hochwasserrisiken in Erinnerung rufen, andererseits stellen Überschwemmungsbilder für Fachleute und Behörden eine wichtige Informationsquelle dar», so Sturny. So seien Überschwemmungsbilder einfacher verständlich als abstrakte Gefahrenkarten. «Sie helfen der Bevölkerung, sich eine Überschwemmung im eigenen Umfeld vorzustellen. Die persönliche Hochwassergefahr wird oftmals schlicht unterschätzt.» So sei jedes siebte Gebäude der Schweiz hochwassergefährdet.

Für die Fachleute und die Behörden könne die Plattform bei der Beurteilung von Gefahren dienen. «Etwa, wenn an einer Gemeindeversammlung über ein Schutzprojekt abgestimmt werden soll.» Die Plattform sei auch für Wissenschaftler von Vorteil: «Die Bilder helfen für die Plausibilisierung von Modellen, beispielsweise für das bessere Verständnis, weshalb es zu Schäden kommt. Und dies wiederum ist eine wichtige Voraussetzung für den Hochwasserschutz in Zukunft.»

Die Plattform sei bisher gut angekommen: «Viele Personen suchen auf der Karte Bilder in Nähe ihres Wohnortes oder ihrer Region. Andere suchen interessiert die Schweizer Karte nach bestimmten Ereignissen oder Zeiträumen ab», sagt Sturny. «Und Fachpersonen aus dem Naturgefahrenbereich haben uns mitgeteilt, dass sie das ‹Kollektive Überschwemmungsgedächtnis› für sehr sinnvoll halten, nicht zuletzt für ihre eigene Arbeit.»

Keine Auswirkungen auf Versicherungsprämien

Dass Versicherungen durch die Plattform plötzlich ihre Preise für Risiko-Gebiete anpassen, bezweifelt Sturny: «Die Deckung der Naturgefahren ist heute in der Schweiz gesetzlich geregelt. Prämien, Deckungsumfang und Selbstbehalt werden vom Gesetzgeber festgelegt. Die Prämien dürfen daher durch die Versicherer nicht angepasst werden, auch nicht, wenn sich ein Gebäude in einer gefährdeten Zone befindet. Somit wird das ‹Kollektive Überschwemmungsgedächtnis› keine Auswirkungen auf die Versicherungsprämien haben.»

Die Website wurde Mitte Mai 2018 vom Mobiliar Lab für Naturrisiken lanciert. «Zurzeit befinden sich gut 1600 Bilder aus allen Landesteilen in der Datenbank. Diese stammen insgesamt von 145 Urhebern», sagt Sturny. «Eines der aktuellsten zurzeit vorhandenen Beispiele von Bildern sind die Drohnenaufnahmen des Multirotors-Teams, die die Überschwemmung von St. Ursanne im Januar dieses Jahres dokumentieren. Das älteste Bild betrifft eine Hochwassermarke beim Rathaus Basel aus dem Jahre 1529.»

Deine Meinung zählt