«Anrufe gelten als unhöflich und übergriffig»

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Ruf mich nicht an!«Anrufe gelten als unhöflich und übergriffig»

Mail mir, schreib mir per Whatsapp – aber ruf mich ja nicht an. Warum das Telefongespräch zunehmend in Verruf gerät.

Simon Ulrich
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Simon Ulrich
Unangekündigte Anrufe werden von jüngeren Menschen oft als übergriffig wahrgenommen – auch ohne, dass ein Serienkiller am anderen Ende der Leitung hängt wie im Film «Scream».
Die emotionale Kommunikation habe sich auf Instant-Messenger wie Whatsapp verlagert, sagt Social-Media-Experte Philippe Wampfler.
In bestimmten Situationen ist laut Wampfler ein Telefonat nach wie vor die geeignetste Kommunikationsform – sofern ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht möglich sei. «In engen Beziehungen und bei Konflikten werden wir weiterhin zum Hörer greifen.»
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Unangekündigte Anrufe werden von jüngeren Menschen oft als übergriffig wahrgenommen – auch ohne, dass ein Serienkiller am anderen Ende der Leitung hängt wie im Film «Scream».

Screenshot Scream / Dimension Films

«Nur fiese Menschen rufen an: Warum Millennials so ungern telefonieren» – unter diesem Titel erklärt eine junge Journalistin im Online-Magazin «Edition F», warum sie das Telefonieren hasst. Ein Anruf komme ihr oft «wie ein Überfall aus dem Hinterhalt» vor.

Man wisse nie, wobei man den anderen gerade störe. Klingle das Telefon zur falschen Zeit, entwickle sie «latente Aggressionen». «Du entscheidest nicht, wann ich mit dir zu sprechen habe!», mahnt sie gebieterisch.

Mit ihrer Meinung steht die junge Journalistin nicht alleine da. Das Telefonieren ist bei unter Dreissigjährigen zunehmend unbeliebt – das zeigt sich auch in der Schweiz: Im Media Use Index 2016 fungiert das Telefonieren bei den 14- bis 29-Jährigen nicht einmal mehr unter den Top 5 der Aktivitäten auf dem Smartphone. Stattdessen belegen Nachrichten schreiben, im Netz surfen und Emailen die vorderen Plätze.

Verlagerung der emotionalen Kommunikation

«Anrufe werden von jüngeren Menschen als unhöflich und übergriffig wahrgenommen», bestätigt Social-Media-Experte Philippe Wampfler. Dies, weil der Angerufene nicht aussuchen könne, wann er antworten will. «Jüngere Menschen vereinbaren deshalb ihre Anrufe oftmals vorgängig», so der Dozent für Medienpädagogik an der Uni Zürich.

Ein Grund für den Rückgang von Telefongesprächen sei zudem, dass sich die emotionale Kommunikation auf multimediale Kanäle verlagert habe. «Während wir beim Telefonieren auf unsere Stimme begrenzt sind, erlauben uns Instant-Messenger wie Snapchat oder Whatsapp, mit Bildern und Videos zu kommunizieren», sagt Wampfler. In dieser Hinsicht sei das Telefon das «ärmere Medium».

Sprachnachrichten sind beliebt

Mit dem Telefon verbinden deshalb viele eher Unangenehmes: dringende Notfälle, unerwünschtes Tele-Marketing und Anrufe des Chefs. Wampfler verweist dabei auf den Briefkasten, den bereits zuvor dasselbe Schicksal ereilt habe. «Auch er muss sich vorwiegend mit Rechnungen, Werbung und Bettelbriefen begnügen.»

An die Stelle von Telefonaten treten laut Wampfler vermehrt aufgezeichnete Sprachnachrichten: «Sie haben dieselbe Funktion wie Telefonate, folgen aber dem Gebot der Höflichkeit, da man sie zum gewünschten Zeitpunkt anhören kann.»

Das Telefon wird nicht aussterben

Trotz der sinkenden Zahlen von Anrufen: Vom Aussterben bedroht sei das Telefon nicht, glaubt Wampfler. In bestimmten Situationen sei es nach wie vor die geeignetste Kommunikationsform – sofern ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht nicht möglich sei. «In engen Beziehungen und bei Konflikten werden wir weiterhin zum Hörer greifen.»

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