Zocken nach Lehrplan«Angrybirds gehört nicht in den Kindergarten»
Buben und Mädchen sollen im Kindergarten Medienkompetenz erwerben. Im Chindsgi wird auf dem iPad sogar «Angrybirds» gespielt. Experten warnen vor der Suchtgefahr.
In einem Kindergarten schwatzen fünfjährige Buben und Mädchen wild durcheinander. Doch statt Neocolorstiften und Bauklötzen halten die Kinder iPads in den Händen. Flink wischen die kleinen Knirpse zwischen den Anwendungen hin und her. Sie spielen Memory und Eiersuchen, befragen die anderen Kindergärtler vor der iPad-Kamera, was ihnen am «Chindsgi» am besten gefällt. Drei Buben zeichnen auf dem iPad eine Bildergeschichte. Am Ende des Vormittags wird die Geschichte dann – inklusive einer Erzählung ab Tonspur – den Klassenkameraden vorgeführt und mit grossem Applaus quittiert.
Doch nicht nur didaktisch wertvolle Lernsoftware kommt zur Anwendung. Zwischendurch dürfen die Kindergärtner sich auch mal mit «Angrybirds» austoben, wie ein Beitrag der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens zeigt. Bei diesem Spiel geht es darum, Vögel durch die Luft zu schleudern und damit andere Tiere abzuschiessen.
Im neuen Lehrplan 21, der ab Herbst 2014 in der Deutschschweiz eingeführt werden soll, ist die Vermittlung von Medienkompetenz in Schweizer Schulen und Kindergärten Teil des Pflichtstoffs. Der Umgang mit Medien und neuen Technologien soll fächerübergreifend und auf allen Alterstufen Teil des Unterrichts sein.
«Je jünger, desto grösser die Suchtgefahr»
Der Hirnforscher Lutz Jäncke von der Uni Zürich hat grosse Zweifel am Einsatz von Tablets in Schulen und Kindergärten. In der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens warnte er davor, schon bei Kindergärtner auf Games zu setzen. Mit häufigem Spielen werde der Bereich des Gehirns, der für Lust und Verlangen zuständig ist, aufgepumpt. Je jünger man zu spielen beginnt, desto grösser sei die Suchtgefahr. «Je früher sie beginnen, Kinder unkontrolliert solchen attraktiven Reizen auszusetzen, desto grösser ist die Gefahr, dass sie diese Reize nicht kontrollieren können», sagt Jäncke.
Auch für FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen gehört «Angrybirds ganz eindeutig nicht in den Kindergarten». Das habe nichts mit der Vermittlung von Medienkompetenz zu tun. Allerdings unterstützt der Präsident der Bildungskommission grundsätzlich die Bestrebungen, den Kindern in der Volksschule den richtigen Umgang mit neuen Technologien beizubringen und die Inforrmatikkompetenzen zu stärken.
Mit dem in der «Rundschau» porträtierten Pilotprojekt wolle man Erfahrungen sammeln. Man wolle herausfinden, ob Tablets sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können, erklärt Beat Zemp, der Präsident des Schweizerischen Lehrerverbands. Kinder hätten Freude an der intuitiven Bedienung und den Herausforderungen, die das Arbeiten am Tablet biete. Aber auch in Zukunft bleibe wichtig, dass Kinder Primärerfahrungen in der realen Welt machen können, wie etwa bei einem Waldspaziergang. Persönlich halte er die Verwendung von «Angrybirds» für keine gute Idee und verneint, dass Angrybirds bald zum Pflichtstoff für die Kleinsten wird. Man dürfe aber deswegen den Einsatz von Tablets im Unterricht nicht von Anfang an verteufeln.
«Schule darf kein technologiefreies Ghetto sein»
Für Zemp sind die Schulen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Kinder seien im Elternhaus oder bei Freunden tagtäglich mit neuen Technologien konfrontiert. Eine radikale Technologieabstinenz während des Unterrichts mache keinen Sinn: «Die Schule darf kein technologiefreies Ghetto werden, das nichts mit der Alltagsrealität der Kinder zu tun hat.» Jede neue Technologie, die in der Schule eingesetzt werde, stosse zuerst auf grosse Skepsis. Auch der Einsatz von Videos und Taschenrechner sei einst argwöhnisch beäugt worden, sagt Zemp. Heute gehörten Internetrecherchen und Powerpoint-Präsentationen selbstverständlich zum Unterricht.
Doch lässt sich der Einsatz von Tablets bereits im Kindergartenalter mit diesen heute unbestrittenen Arbeitsmethoden vergleichen? Schliesslich versuchen viele Eltern bewusst, ihre Kinder im jungen Alter vom übermässigen Technologie-Konsum abzuhalten. Beat Zemp glaubt nicht, dass der punktuelle Einsatz von Tablets im Kindergarten in die Erziehungsfreiheit der Eltern eingreife.
Im Kindergartenalter führe der kontrollierte, zeitlich begrenzte Einsatz von neuen Technologien zu keinen Entwicklungsstörungen. Wie zu Hause mit Tablets, Computern und Fernsehen umgegangen werde, müssten die Eltern entscheiden. Auch Christian Wasserfallen glaubt nicht, dass Tablets im Kindergarten die elterliche Autorität untergraben. Es sei zwar denkbar, dass ein Kindergärtler «zu Hause ein Gstürm» mache und sich ein Tablet wünsche, weil er es aus dem Kindergarten kenne. Doch dass Kinder bei den Eltern Druck machten, weil sie in der Schule etwas kennengelernt haben, sei nichts Neues: «Das passiert auch wegen des Handys, Markenkleidern oder der Ferien.»