Künstlicher ZuschlagSBB wollen Fahrt durch Gotthard verteuern
Zwar wird die Strecke mit dem neuen Gotthardtunnel kürzer, dennoch wollen die SBB mehr Geld von den Passagieren. Der Preisüberwacher ist alarmiert.

Im Juni wird der neue Tunnel eröffnet: Ein Passagierzug bei Erstfeld vor dem Gotthard-Basistunnel. (6. Februar 2016)
Wie etwa die Strecken zwischen Olten und Bern oder durch den Lötschbergtunnel soll auch die Fahrt durch den neuen Gotthard-Basistunnel mehr kosten. Die SBB rechnet mit rund einem Franken pro Fahrt. Entscheiden muss die Branche. Kritik wird bereits jetzt laut.
SBB-Sprecher Daniele Pallecchi bestätigte der Nachrichtenagentur sda einen Bericht der «NZZ am Sonntag», wonach der Abschnitt zwischen Castione TI und Altdorf UR zur Diskussion steht. Da die Qualität der Strecke verbessert werde, wünsche die SBB einen Zuschlag für Transitpassagiere, sagte Pallecchi zur sda. Nicht betroffen wäre der Regionalverkehr.
Anpassung des Tarifkilometers
Entscheiden wird die Branche, also der Verband öffentlicher Verkehr VöV. Die SBB hat den Zuschlag laut Pallecchi beantragt; eine erste Sitzung soll in den nächsten Wochen stattfinden. Die SBB schätzt, dass der Zuschlag gerade den Frankenbereich erreicht. Eine Fahrt würde pro Passagier folglich rund einen Franken mehr kosten. Zum Vergleich: Heute kostet ein ganzes Billett 2. Klasse von Altdorf nach Castione-Arbedo 38 Franken.
Bei grossen Bahnprojekten wie der Neubaustrecke Olten-Bern oder dem Lötschberg-Basistunnel, welche bessere Leistungen und kürzere Fahrzeiten bringen, können die Strecken mit einem Distanzzuschlag verteuert werden. Dies geschieht über eine Anpassung der sogenannten Tarifkilometer. Auf dem Schweizer Schienennetz gibt es zahlreiche Strecken mit Distanzzuschlägen. Dazu gehören unter anderem Genf-Lausanne, Luzern-Zug oder Zürich-Winterthur.
Tessin wehrt sich gegen Zuschlag
Skeptisch gegenüber einem höheren Ticketpreis für den Gotthard-Basistunnel zeigten sich in der «NZZ am Sonntag» Preisüberwacher Stefan Meierhans und der Tessiner Regierungspräsident Norman Gobbi. Auf Twitter erinnerte Gobbi am Sonntag daran, dass sich die Tessiner bereits in den 1920er-Jahren gegen einen Bergstrecke-Zuschlag gewehrt hätten, und ärgerte sich, dass sich die Geschichte 100 Jahre später wiederhole.
Empört zeigte sich am Sonntag auch die Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr (IGöV). Deren Präsidentin, die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim, schreibt in einer Mitteilung von einem «Tabubruch der SBB», welcher Tür und Tor öffne für weitere Preiserhöhungen auf Neubaustrecken.
Eröffnung im Juni
Auch der Verband ProBahn zeigt sich alles andere als erfreut und bezeichnet den Zuschlag als «Schnapsidee». «Dieses Bauwerk verkürzt zwar die Reisezeit, attraktiv ist die Reise aber nicht, lässt sich doch als Landschaft im Tunnel nur eine Wand zu bestaunen», heisst es in einer Mitteilung.
Der neue Gotthard-Basistunnel, der das Nordportal in Erstfeld UR und das Südportal in Bodio TI verbindet, wird am 1. Juni eröffnet. (dia/sda)