Unglückliche Lehrlinge«Ich habe nur noch gearbeitet und geschlafen»
Anina Steiger* absolvierte ihre Lehre als Restaurationsfachfrau in einem Basler Hotel. Für sie sind die Arbeitsbedingungen in der Gastro-Branche eine «unglaubliche Belastung».

Der psychische und physische Belastung im Gastgewerbe ist hoch.
Frau Steiger*, laut einer Studie gehören Restaurationsfachleute zu den unglücklichsten Lehrlingen. Warum haben Sie sich trotzdem für den Beruf entschieden?
Meine Mutter ist selbst mit der Gastronomie aufgewachsen, hat jahrelang selbst an der Front mitgearbeitet und so habe ich den Gastro-Alltag mitbekommen. Bei der Berufsberatung stellte sich heraus, dass ich etwas in Richtung Sprachen und Kommunikation machen sollte. Weil ich den Kundenkontakt schätze, war mir nach zwei Schnupperlehren klar: Der Job als Gastgeberin passt perfekt zu mir.
Wie gross war die Umstellung zu Lehrbeginn?
Anfangs war es sehr hart. Ich wusste, dass mir wegen der Arbeitsbedingungen nicht viele Freunde bleiben würden. In den ersten paar Monaten meiner Lehrzeit sind mir dann tatsächlich nur noch meine engsten Freunde geblieben. Einige konnten es verstehen, dass ich gerne an eine Party gekommen wäre, jedoch viel zu müde war, um wirklich noch hinzugehen.
Haben Sie den Stress unterschätzt?
Ja. Die psychische Belastung ist unglaublich gross. Oft habe ich pro Tag zehn Stunden gearbeitet und das sechs Tage am Stück. Ich hatte praktisch keine Freizeit mehr, das ging soweit, dass ich die ersten sechs Monate der Lehre praktisch nichts mehr gemacht habe ausser arbeiten und schlafen.
Wie war Ihre Lehrlingsbetreuung?
Im ersten Jahr meiner Lehrzeit wurde ich noch regelmässig von meiner Lehrmeisterin betreut, man merkte aber, dass sie ihre Ausbildung innerhalb von sieben Tagen erworben hatte. Sie kannte sich zu wenig mit dem Lernstoff in den Schweizer Schulen aus und ich musste ihr aufzeigen, was ich an der Abschlussprüfung können muss. Nach diesen Erfahrungen denke ich, dass der Kurs für Lehrmeister umfassender sein sollte. Ähnliches zeigte sich bei Berufsschulkollegen: In meiner damaligen Klasse haben sich von 23 Lehrlingen vier beim Berufsbildungsamt gemeldet und um Hilfe im Lehrbetrieb gebeten. Drei haben den Betrieb dann im letzten Lehrjahr gewechselt.
Was war Ihr schlimmstes Erlebnis?
Im ersten Lehrjahr habe ich fünf Cüpli über sehr teure Kleider meiner Gäste verschüttet. Diese waren nicht sehr erfreut. Das allerschlimmste aber war, drei Jahre alles zu geben für seinen Lehrbetrieb und schlussendlich einzusehen und zu spüren, dass man keine Wertschätzung zurückbekommt. Zum Glück habe ich die Lehre nun geschafft.
Was sagen Sie zur Kritik, dass viele Betriebe in einem Lernenden nur die billige Arbeitskraft sehen?
Das ist leider so. Statt ausgelernte Fachleute einzustellen, setzen vor allem Kleinbetriebe auf solche, mit denen man am Schluss am meisten Profit erwirtschaftet. Selten habe ich bis jetzt einen Betrieb kennengelernt, der Lehrlinge aus Leidenschaft ausbildet, nicht nur als kostengünstige Alternative.
Wie sehen Sie die Zukunft der Gastro-Branche?
Heute ist meiner Meinung nach alles heruntergewirtschaftet. Statt ausgelernte Facharbeiter einzustellen, wird vermehrt nur noch auf solche gesetzt, mit denen man schlussendlich am meisten Profit erwirtschaftet. Das führt dazu, dass der Ruf der Gastronomieberufe gelitten hat. Ich wünsche mir, dass die Branche den ausgebildeten Nachwuchs fördert und sich so tolle Gastgeber entwickeln können.
Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
In den nächsten fünf Jahren werde ich sicher noch in der Gastronomie mitwirken. Aber sicher nicht im Service und nicht für den Mindestlohn von 4100 Franken. Vielleicht gehe ich Richtung Eventmanagement oder mache den Lehrmeisterkurs.
*Name von der Redaktion geändert.