Angela Magdici«Ich werde auf Hassan warten»
Gefängniswärterin Angela Magdici bricht ihr Schweigen: In der Weltwoche erzählt sie von der Liebe, dem Ausbruch und dem Leben in Italien.
Mit der Befreiung des Häftlings Hassan Kiko (27) erlangte die Gefängnisaufseherin Angela Magdici (33) weltweit Aufmerksamkeit. Im Februar öffnete sie dem syrischen Flüchtling die Gefängnistür und trat mit ihm gemeinsam die Flucht an. Am Karfreitag wurden die beiden Ausbrecher gefasst.
Jetzt spricht Magdici erstmals über die Hintergründe. Nach dem Urteil des Bezirksgerichts Dietikon, das Kiko wegen Vergewaltigung zu vier Jahren Gefängnis verurteilte, sei das Thema Flucht erstmals aufgekommen. «Ich hatte nach meiner Trennung kein rechtes Zuhause mehr, mein Noch-Ehemann setzte mich ständig unter Druck. Ich hatte mich verliebt, ich musste damit rechnen, dass Hassan bald in den Vollzug versetzt würde», sagt sie zur Weltwoche. Zudem habe sie mit niemandem über die Pläne sprechen können.
«Dass er Fehler begangen hat, weiss Hassan selber»
Der definitive Entscheid fiel jedoch erst in der Nacht vor der Flucht, sagt Magdici weiter. «Als ich mich einmal entschieden hatte, gab es allerdings kein Zögern mehr; von diesem Moment an hatte ich eine Art Tunnelblick.»
Der Ausbruch sei einfach gewesen. «Technisch zumindest. Seelenruhig war ich allerdings nicht.» Erst auf dem Weg Richtung Süden habe sich allmählich ein Glücksgefühl eingestellt.
Doch die 33-Jährige hat sich keineswegs Hals über Kopf verliebt. «Unsere Beziehung entwickelte sich langsam, über die Monate. Im Gefängnis hat man viel Zeit, um die Menschen kennenzulernen, wie sie wirklich sind», sagt sie zur Weltwoche. Und von Kikos Unschuld ist sie nach wie vor überzeugt: «Er hat Fehler begangen, das weiss Hassan selber. Aber er wurde für Delikte verurteilt, die er nicht begangen hat.» Und: «Er ist nicht der gewissenlose Triebtäter, als der er dargestellt wird.»
«Wir waren schon etwas naiv»
In Italien wollten sich die beiden ein Leben aufbauen: «Wir machten viel Sport, gingen spazieren, kochten gemeinsam, redeten sehr viel. Es war eine schöne, glückliche Zeit.» Über ihre Zukunftspläne erzählt sie: «Hassan suchte Arbeit als Coiffeur, aber wir mussten feststellen, dass dies ohne Papiere praktisch unmöglich war.»
Von da an schien den beiden bewusst zu werden, dass der Aufbau eines neues Lebens nicht so einfach werden würde. Zudem war es Magdici im Bezug auf ihre Angehörigen unwohl. «Ich wusste, dass sie sich Sorgen machten.» Bald wurde dem Paar offenbar klar, dass seine Flucht nicht mehr allzu lange dauern würde. «Als wir das Video machten, ahnten wir, dass unsere Flucht vielleicht bald zu Ende gehen könnte. Wir waren schon etwas naiv.»
«Ich leide unter der Trennung»
Magdici glaubt dennoch nach wie vor an ein Happy End: «Ich suche nun wieder eine Arbeit, im Büro. Ich hoffe, dass Hassan beim Zürcher Obergericht ein faires Verfahren bekommt und dass das Urteil gegen ihn aufgehoben wird. Ich werde auf jeden Fall auf ihn warten.» Würde er aus der Schweiz gewiesen, würde sie mit ihm gehen. «Ich möchte ein ganz normales Familienleben mit ihm führen, das ist alles.» Sie leide unter der Trennung. «Ich hoffe, dass ich möglichst bald wieder mit ihm Kontakt haben kann.»