Angst vor GhettosIn Quartieren soll es Flüchtlingsquoten geben
Politiker befürchten die Entstehung von Flüchtlingsquartieren in der Schweiz. Deshalb soll der Staat anerkannten Flüchtlingen einen Wohnort vorschreiben.
Um zu vermeiden, dass es zu «Ghettoproblemen» kommt, fordert der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel, dass anerkannten Flüchtlingen ein Wohnort vorgeschrieben wird. Ansonsten würden viele Leute aus dem gleichen Herkunftsland an denselben Ort ziehen und die Schwierigkeiten würden sich auf einzelne Städte oder Quartiere konzentrieren.
Das Modell stösst auch in der Schweiz auf Interesse. SVP-Nationalrat Gregor Rutz sagt, bei den aktuellen, hohen Flüchtlingszahlen sei es wichtig, dass der Staat beim Niederlassungsort mitbestimme. «Er muss verantwortlich sein für die Organisation im Bereich des Flüchtlingswesens – selbstverständlich auch bei anerkannten Flüchtlingen.»
Auch SP-Nationalrat Cédric Wermuth kann der deutschen Idee Gutes abgewinnen: «Für die Integration ist es wichtig, dass Flüchtlinge und Einheimische in gemischten Quartieren oder Orten leben.» Dies müsse aber dank einer Durchmischungspolitik erreicht werden, indem man überall bezahlbaren Wohnraum baue, und nicht durch das Vorschreiben eines bestimmten Wohnortes. «Das würde nicht zu einem liberalen Land wie der Schweiz passen.» Ohnehin mache er sich mehr Sorgen, dass es in der Schweiz immer mehr Reichen-Ghettos gebe. «Das ist das echte Problem für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.»
Luzern steuert Wohnungssuche
Stefan Frey, Sprecher der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, sagt: «Grundsätzlich ist es richtig, dass man die Leute aus dem gleichen Land nicht auf einen Ort konzentriert.» Ein Beispiel, was ansonsten passieren könne, seien Banlieues in Paris, wo sich in den letzten Jahren eigentliche Parallelgesellschaften entwickelt hätten. Wichtig sei dennoch, dass man es nicht dabei belasse, anerkannten Flüchtlingen einen bestimmten Wohnort vorzuschreiben: «Es braucht auch Sprach- oder Berufsvorbereitungskurse.»
Im Kanton Luzern gibt es bereits Versuche, die Konzentration vieler Eritreer auf wenige Gemeinden gezielt zu verhindern. Zwar haben anerkannte Flüchtlinge Aufenthaltsstatus B. Dieser erlaubt es ihnen offiziell, den Wohnort innerhalb des Kantons selber zu wählen, allerdings beziehen die meisten anerkannten Flüchtlinge zu Beginn Sozialhilfe und sind somit auch bei der Wohnungssuche auf unsere Unterstützung angewiesen. «Wir versuchen die im Asyl- und Flüchtlingswesen unterstützten Personen möglichst gleichmässig auf das ganze Kantonsgebiet zu verteilen. Somit soll verhindert werden, dass die Eritreer sich auf wenige Gemeinden konzentrieren», sagte CVP-Regierungsrat Guido Graf kürzlich auf Anfrage.
Singapur mit Stockwerk-Quoten
Ein Land, das die Steuerung der Durchmischung auf die Spitze treibt, ist Singapur. Im asiatischen Stadtstaat wird in jedem Lebensbereich auf die Gleichberechtigung zwischen Chinesen, Indern und Malayen geachtet. Dies gilt besonders für den Wohnungsbau: In jedem Stadtviertel, in jedem Wohnblock und sogar auf jedem Stockwerk wird vorgeschrieben, wie gross der Anteil einer bestimmten Bevölkerungsgruppe sein darf.
Asienforscher Sven Trakulhun stuft das System für die Schweiz als geeignet ein. «Wie in Singapur ist die Zahl anerkannter Flüchtlinge klein.» So seien gemischte Quartiere organisatorisch leichter umzusetzen. Die Erfahrungen in Singapur hätten zudem gezeigt, dass den Ausländern die Integration leichter fallen könne. Trakulhun warnt aber auch vor Konflikten. «Ausländische Bewohner können etwa mit patriarchalischen Strukturen bei den Schweizern auf Unverständnis stossen.»