«HIV wird es in 50 Jahren nur selten geben»

Aktualisiert

Ist Aids besiegt?«HIV wird es in 50 Jahren nur selten geben»

Die Zahl der HIV-Diagnosen in der Schweiz nimmt weiter ab. Infektiologe Pietro Vernazza über die Gründe für den Trend, das Ende des gefürchteten Virus und die Zukunft des Gummis.

Jessica Pfister
von
Jessica Pfister
Die Zahl der HIV-Infektionen ist im letzten Jahr erneut zurückgegangen. Die rote Schleife ist das Symbol für den Kampf gegen Aids.

Die Zahl der HIV-Infektionen ist im letzten Jahr erneut zurückgegangen. Die rote Schleife ist das Symbol für den Kampf gegen Aids.

Immer weniger Menschen stecken sich in der Schweiz mit HIV an. Ist das einst tödliche Virus am Aussterben?

Pietro Vernazza: Langsam, aber sicher schon, ja. In 50 Jahren wird es HIV bei uns wohl nur noch selten geben. Bis dahin werden national, aber auch international so viele HIV-positive Menschen behandelt, dass sich die Infektion nicht mehr weiter verbreiten kann. Natürlich unter der Voraussetzung, dass genügend Ressourcen vorhanden sind und die politische Lage stabil bleibt.

Also müssen wir uns keine Sorgen mehr machen?

Das wäre die falsche Einstellung – und gefährlich dazu. Wir sind nur durch grosse Anstrengungen in Prävention und Behandlung an den Punkt gekommen, an dem wir heute sind. Ich vergleiche das Phänomen mit dem Impfen. Früher starben Kindern an Masern. Mit der Einführung der Masernimpfung waren alle glücklich und impften ihre Kinder. Plötzlich sah man keine kranken Kinder mit Hirnhautentzündungen mehr und viele dachten, damit sei auch eine Impfung nicht mehr nötig. Dabei ist die Gefahr nach wie vor da.

Die aktuellen Zahlen zeigen, dass in der Schweiz vor allem Homosexuelle noch vom Virus betroffen sind. Da überrascht es nicht, wenn sich viele heterosexuelle Personen in Sicherheit wähnen.

Heterosexuelle trifft HIV sicher weniger als Männer, die mit Männern Sex haben. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie die Thematik nichts mehr angeht. In der Schweiz gibt es immer noch Übertragungen unter Heterosexuellen. Im Gegensatz zu den Homosexuellen stecken sie sich aber oft im Ausland an. Deshalb die Botschaft an alle Heterosexuellen: Bevor ihr in den Ferien ungeschützten Sex habt, überlegt es euch zweimal.

Und wie sieht es in der Schweiz aus? Kondome schützen ja nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Clamydien, die stark zunehmen.

Im Gegensatz zu HIV kann man diese Infektionen behandeln und heilen. Wichtig ist, dass jeder, der sich frisch angesteckt hat, so früh wie möglich einen Arzt aufsucht. Damit kann eine Ansteckung des Partners verhindert werden.

Wollen Sie damit sagen, das Kondom hat in der Schweiz ausgedient?

Auf keinen Fall. Der Rückgang der HIV-Infektionen bei Schwulen wäre ohne Gummi nicht möglich gewesen. Der kleine HIV-Ausbruch Anfang Jahr in St. Gallen, wo sich eine Gruppe von Homosexuellen gegenseitig mit dem Virus angesteckt hat, zeigt, dass Vertrauen alleine nicht reicht. Bei Heterosexuellen sind Kondome vor allem im Bereich der Prostitution wichtig. Dort sind gerade Tripper-Infektionen stark zunehmend.

Aids ist kein Schreckgespenst mehr. Menschen mit HIV sind nach einer konsequenten antiviralen Therapie nicht mehr ansteckend und die Krankheit Aids bricht meist nicht aus. Wie hoch ist die Lebenserwartung eines HIV-Patienten?

Sofern er in Behandlung ist, ist sie nur unmerklich tiefer als ohne HIV-Infektion, wenn überhaupt.

Und wie sieht es im Alltag aus?

Die Behandlung einer HIV-Infektion führt heute kaum mehr zu Nebenwirkungen. Nicht zu unterschätzen ist die Einnahme der Tabletten. Es sind zwar nur maximal drei Tabletten, die einmal pro Tag eingenommen werden müssen, doch die Regelmässigkeit ist wichtig für den Erfolg der Therapie. Das ist nicht für alle so einfach.

Hat sich durch die rückläufigen Ansteckungszahlen auch der Umgang mit HIV-Patienten in der Gesellschaft verbessert?

Nein, im Gegenteil. Die Stigmatisierung von HIV-Betroffenen hat eher zugenommen.

Woran liegt das?

Vor 15 Jahren kannte noch fast jeder eine Person, die HIV-positiv war. Das Thema war präsent, man sah die Krankheit in der Öffentlichkeit. Das ist heute nicht mehr der Fall und die Gruppe der HIV-Positiven wird mehr und mehr ausgegrenzt. Immer wieder erhalten wir Meldungen von Diskriminierungen bei der Stellensuche oder beim Abschluss von Versicherungen – obwohl es in der Schweiz ein Antidiskriminierungs-Gesetz gibt. Hier müssen wir nicht nur mit Informationsarbeit, sondern auch mit gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass HIV-Patienten ein normales Leben führen können.

Zahlen und Fakten zu HIV/Aids

In der Schweiz leben heute rund 25 000 Menschen mit HIV und Aids. Im Jahr 2011 wurden 564 Neuansteckungen gemeldet. Im Jahr 2002 waren es noch 796. Dies geht aus dem am Montag publizierten Bulletin des Bundesamts für Gesundheit hervo. Auch die Aidsfälle - also die Fälle, bei denen das Virus ausgebrochen ist - sind zurückgegangen, von 281 im Jahr 2003 auf 162 im Jahr 2011. Fast die Hälfte der HIV-Diagnosen im Jahr 2001 betrafen Männer, die sexuellen Kontakt zu Männer hatten.

Eine Infektion mit HIV ist nach wie vor nicht heilbar. Kann zum richtigen Zeitpunkt mit einer Therapie begonnen werden, bestehen gute Chancen, die Viruslast im Blut langfristig niedrig zu halten und so den Ausbruch von Aids viele Jahre herauszuzögern oder zu verhindern. (jep)

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