Verkehr ohne Gummi«Sexarbeiterinnen stehen immer mehr unter Druck»
Laut einer Studie hat eine Mehrheit der Schweizer Prostituierten Sex ohne Gummi. Eine Fachfrau sagt, warum die Frauen dies mit sich machen lassen.
Frau Angelini, mehr als die Hälfte der Prostituierten in der Schweiz praktizieren gemäss einer neuen Studie mit ihren Kunden Sex ohne Kondom. Warum?
Dass Freier ungeschützten Sex verlangen, ist tatsächlich gang und gäbe, das ist unter den Sexarbeiterinnen ein ständiges Thema. Dass viele Frauen dies zulassen, zeigt, wie sehr sie unter Druck stehen.
Woher kommt dieser Druck?
Zum einen von den Zuhältern, wenn Frauenhandel im Spiel ist. Wenn die Nachfrage nach ungeschütztem Sex besteht, drängen sie die Frauen dazu, diese zu befriedigen – gerade, wenn damit Mehreinnahmen möglich sind. Je selbstbestimmter eine Frau ist, desto mehr ist sie in der Lage, solche Forderungen abzulehnen. Zum anderen kann aber auch der finanzielle Druck Frauen dazu bewegen, sich darauf einzulassen und Ansteckungen in Kauf zu nehmen – einfach, um ihr Überleben zu sichern.
Hat dieser Druck zugenommen?
Ja, das ist so. Die Bedingungen im Sexgewerbe werden immer prekärer. Das ist eine Folge der Regulierungswut, die die Frauen in die Illegalität drängt. Im Untergrund kommt es eher zu ungeschütztem Sex, weil die Freier gegenüber den Frauen in einer stärkeren Position sind und fordernder auftreten. Dies ist eine Nebenwirkung der Repression und der bürokratischen Hürden, mit denen die Sexarbeiterinnen konfrontiert sind.
Lassen sich Prostituierte regelmässig darauf testen, ob sie an Geschlechtskrankheiten leiden?
Das ist sehr unterschiedlich. Frauen, die legal arbeiten und bei einer Schweizer Krankenkasse versichert sind, verfügen über eine gute Gesundheitsversorgung. Ganz anders sieht es bei Frauen aus, die mit einer 90-Tage-Bewilligung in der Schweiz arbeiten – oder ohne Bewilligung hier sind.
Müsste man Prostituierten nicht regelmässige Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten gesetzlich vorschreiben?
Davon halte ich gar nichts. Das wäre eine weitere Regulierung, die die Sexarbeiterinnen stigmatisieren würde. Doch man sollte das Gesundheitsangebot für Sexworkerinnen ausbauen. Hier besteht – von der Stadt Zürich einmal abgesehen – eine riesige Lücke. Wenn Prostituierte die vollen Kosten ihrer gynäkologischen Behandlung aus dem eigenen Sack zahlen müssen, ist es nicht realistisch, dass sie sie auch in Anspruch nehmen. Dazu ist bei den meisten die finanzielle Not zu gross. Ausbauen sollte man aber auch die Angebote für Freier.
Weshalb?
Wie die Sexarbeiterinnen sind auch die Freier aufgrund der aktuellen Verdrängung des Sexgewerbes schlechter für aufsuchende Präventionsarbeit erreichbar als früher. Dabei sind sie das eigentliche Problem: Dass aufgeklärte Männer Sex ohne Kondom verlangen, ist unglaublich.

Rebecca Angelini ist Sprecherin der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) in Zürich.