5 LGBTQ-Gesichter und ihre Geschichten

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Diskriminiert oder blöd angemacht5 LGBTQ-Gesichter und ihre Geschichten

Wie erleben Schwule, Lesben, Bisexuelle, inter- und pansexuelle Personen den Alltag in der Schweiz? 20 Minuten hat mit ihnen gesprochen.

F. Arnold/N. Thelitz
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F. Arnold/N. Thelitz
Julie Engel, 24, Informatikerin, Zürich, lesbisch«Diskriminiert werde ich in Momenten, wenn ich meine Freundin in der Öffentlichkeit küsse. Jedes einzelne Mal kommt da irgendein Mann und fragt uns, ob er mitmachen könne.»
Michael Frauchiger, 27, Sanitär-Ingenieur, Weiach ZH, schwul«Ich erlebe keine Diskriminierung. Vor zehn Jahren wurde ich einmal im Ausgang blöd angemacht, das wars.»
Vera Diener, 20, Floristin, Albligen BE, bisexuell:«Ich fühle mich nicht so leicht diskriminiert. Sätze wie Du willst dich nur interessanter machen! höre ich aber ab und zu.»
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Julie Engel, 24, Informatikerin, Zürich, lesbisch«Diskriminiert werde ich in Momenten, wenn ich meine Freundin in der Öffentlichkeit küsse. Jedes einzelne Mal kommt da irgendein Mann und fragt uns, ob er mitmachen könne.»

48 Prozent finden, dass LGTBQ-Menschen in der Schweiz diskriminiert werden. Vor allem junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren (52 Prozent), Frauen (61 Prozent) und Städter (52 Prozent) sind dieser Ansicht. Das zeigt eine Studie von 20 Minuten. Doch wie erleben Betroffene den Alltag?

Julie Engel, 24, Informatikerin, Zürich

lesbisch – Frau liebt Frau

«Diskriminiert werde ich in den Momenten, wenn ich meine Freundin in der Öffentlichkeit küsse. Jedes Mal kommt da irgendein Mann und fragt uns, ob er mitmachen könne. Diese blöden Anmachen nerven, doch gibt es mir keinen Grund, meine Freundin öffentlich nicht mehr zu küssen. Bei der Arbeit ist meine Homosexualität aber kein Thema. In der Familie nahm ich zu Beginn komische, aber nicht beleidigende Reaktionen wahr, dies aber eher aus Unwissenheit und genereller Unsicherheit im Umgang mit Homosexualität.»

Michael Frauchiger, 27, Sanitär-Ingenieur, Weiach (ZH)

schwul – Mann liebt Mann

«Ich erlebe keine Diskriminierung. Vor zehn Jahren wurde ich einmal im Ausgang blöd angemacht, das wars. Ich laufe mit meinem Freund auch Händchen haltend durch Zürich und mache mir keine Sorgen. Ich bin aber nicht jemand, der jetzt seine Sexualität an die grosse Glocke hängt. Öffentlich rumknutschen ist nichts für mich, das gehört bei Homo- und Heterosexuellen in die eigenen vier Wände. Bei meinem Outing reagierte mein Umfeld positiv und auch bei der Arbeit war meine Sexualität nie ein Thema.»

Vera Diener, 20, Floristin, Albligen (BE)

bisexuell – liebt Mann und Frau

«Ich bin grundsätzlich eine Person, die sich nicht schnell diskriminiert fühlt. Ich lebe zurzeit in einer Beziehung mit einem Mann. So bemerken die Leute in meinem Alltag auch nicht, dass ich bisexuell bin – und ich werde im Alltag deswegen nicht diskriminiert. Ganz anders wäre es, wenn ich eine Freundin hätte. Es gab aber tatsächlich Menschen, die sich nach dem Outing von mir abgewandt haben. Um die ist es nicht schade. Bisexuelle Menschen werden insofern diskriminiert, als dass man ihnen ihre Bisexualität nicht glaubt. ‹Nur eine Phase!›, ‹Eigentlich bist du doch hetero, du willst dich nur interessanter machen!› und Ähnliches sind typische Sätze, die ich zu hören bekomme.»

Milena Pati, 27, Chemikerin, Zürich

pansexuell – liebt alle Geschlechter und Geschlechtsidentitäten (etwa Transgender)

«Als Pansexuelle erfahre ich teilweise Diskriminierung vonseiten homo- und heterosexueller Menschen. Meistens sind es Beleidigungen oder blöde Sprüche. Wenn ich mich in der Öffentlichkeit zusammen mit einer Frau zeige, schauen die Leute teilweise komisch. In erinnere mich nur an ein einziges Mal, als ich richtig blöd angemacht wurde.»

Daniela Truffer, 51, Aktivistin Zwischengeschlecht.ch, Zürich

intersexuell – Menschen, die mit uneindeutigem Geschlecht geboren werden

«Intersex-Menschen werden mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren, und in den meisten Fällen auch heute noch vor dem zweiten Lebensjahr genitalverstümmelt, so auch ich. Dies sind massive Eingriffe in unsere körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung und gehen über Diskriminierung weit hinaus. Auch heute noch ist diese Praxis in der Schweiz verbreitet, obwohl unter anderem der UN Kinderrechtsausschuss Intersex Genitalverstümmelungen als «schädliche Praxis» verurteilt. Als Kind hatte ich Schmerzen von den Genitaloperationen und musste oft zum Arzt, wusste aber nicht warum. Ich leide bis heute unter den physischen und psychischen Folgen der Verstümmelungen.»

Was bedeuten die Buchstaben?

L: Lesbian

Frauen, die auf Frauen stehen.

G: Gay

Männer, die auf Männer stehen.

B: Bisexual

Menschen, die sowohl auf Frauen als auch auf Männer stehen.

T: Trans

Menschen, die sich nicht oder nicht nur mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Das kann sich auf den Körper und/oder die soziale Rolle beziehen.

Q: Queer oder questioning

«Queer» ist das Gegenteil von «straight», also alles, was von der Heterosexualität abweicht. «Questioning» heisst, dass man dabei ist, seine Geschlechtsidentität zu finden.

I: Intersex

Intersex-Menschen werden mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren und in den meisten Fällen noch als Kleinkinder im Intimbereich operiert.

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