Die Griechen versuchen zu retten, was zu retten ist

Aktualisiert

Reportage aus Kos, Teil 1Die Griechen versuchen zu retten, was zu retten ist

Die Insel Kos litt stark unter der Flüchtlingskrise. Heute versucht die Tourismusbranche verzweifelt, das Bild des Ferienparadieses wiederherzustellen. Eine schwierige Aufgabe.

T. Bircher
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T. Bircher

Die Strassen von Kos sind ausgestorben. Der Boden vor den Tavernen ist noch nicht gewischt, die Barstühle sind aufeinandergestapelt, an den Scheiben der Touristengeschäfte klebt Staub.

Eine Informationsreise über die Flüchtlingssituation – deshalb fährt an diesem Tag, zwei Wochen vor der offiziellen Tourismussaison, ein grosser Car an den leeren Läden vorbei. Die sechs Journalisten an Bord sollen sich selbst ein Bild vor Ort machen.

Minus 50 Prozent Buchungen

«Soweit wir wissen, befinden sich derzeit keine Flüchtlinge mehr auf Kos», sagte Tim Bachmann, Leiter Touroperating Shorthaul von Hotelplan Suisse, bereits im Flugzeug. «Aber wir haben uns entschieden, transparent zu sein. Schaut selbst.»

Vor rund acht Monaten waren die Strassen von Kos überfüllt, hunderte Flüchtlinge erreichten die Ferieninsel, die zu über 90 Prozent vom Tourismus lebt, täglich mit Gummibooten – die meisten kamen von der türkischen Küste her, die nur wenige Kilometer entfernt liegt. Und so passierte, was passieren musste: Der Tourismus kollabierte. Die Gäste wollten ihren Sandstrand nicht mit dehydrierten Syrern teilen, sie wollten in ihren Ferien nicht das Leid anderer Menschen sehen, sie wollten nicht in einem Meer baden, in dem täglich Kinder starben.

Informationsreise auf die Flüchtlingsinsel ohne Flüchtlinge

Dies bekamen nicht nur die Hotels, Restaurants, Bars und Geschäfte vor Ort zu spüren. Auch bei Hotelplan Suisse riss die Flüchtlingskrise ein schwarzes Loch in den Umsatz. Noch bis vor zwei Monaten kämpfte die Firma mit 50 Prozent weniger Kos-Buchungen, heute liegen sie bei rund minus 20. Deswegen auch die Informationsreise. Die Journalisten sollen sehen: Es ist alles wieder in Ordnung.

Der Bus fährt nun langsam entlang eines desolaten Sandstrandes. Dass hier noch vor kurzer Zeit erschöpfte Menschen aus dem Wasser krochen, an den Armen aus ihren Booten gezerrt wurden, Kinder und Frauen wenige Meter vor der Küste ertranken, ist jetzt unvorstellbar. Zwei Männer in Sportkleidung und mit Kopfhörern in den Ohren joggen der Meile entlang, eine Frau führt ihren Hund spazieren, das Meer, ruhig und türkisfarben, spült kleine Wellen an Land. Boote sind keine zu sehen.

Wein, Feta, Öl und Tischsets

Am Flughafen wartete eine ganze Entourage auf die ankommenden Journalisten. Vier Reiseleiterinnen und drei Männer mit organisatorischer Funktion kümmern sich um deren Bedürfnisse. Die Reiseleiterin, Monika, stellt sich im Bus vor die Gäste, greift zu einem Mikrofon und erzählt von Kos, ihrer Geschichte, der Mythologie, den Spezialitäten. «Besonders beliebt ist hier auch in Wein eingelegter Fetakäse.» Ihre Kollegin verteilt derweil Goodie-Bags mit Wein, Öl und Tischsets. «Vorne sind Fragen über Griechenland drauf, hinten die Antworten», erklärt sie mit lauter Stimme.

Das Hotel liegt direkt am Meer, jeder Journalist erhält ein Einzelzimmer mit Terrasse. «Ich hoffe, es gefällt euch. Geniesst es!», sagt Monika.

Werbespot in Worten

Pressekonferenz im Rathaus, anwesend: Vize-Bürgermeister Ilias Sifakis und verschiedene Verantwortliche des örtlichen Tourismus- und Hotelverbands. Der Bürgermeister selbst sei leider an einem Termin in Athen, lässt sein Stellvertreter ausrichten.

«Welcome to our beautiful island. Heute wollen wir über die Wahrheit sprechen», sagt Sifakis. Es folgt ein Werbespot in Worten, er liest von einem Blatt ab. Kos sei ein einzigartiger Ort: Kite-Surfen, aufregendes Nachtleben, wunderschöne Architektur, über 300 Tage Sonnenschein im Jahr, hervorragendes Essen und tolle Bevölkerung. «Trotz der Probleme vom letzten Jahr ist Kos noch immer das viertwichtigste Reiseziel von Griechenland.»

Seit dem Türkei-Deal mit der EU gebe es keine Flüchtlinge mehr auf der Insel, es sei alles vorbei, alles wieder in Ordnung. Kos habe die Situation mit Bravour gemeistert. «Die ganze Bevölkerung, die Hotels und die Ladenbesitzer haben mitgeholfen, Essen, Pampers und Kekse verteilt, die Flüchtlinge bei sich aufgenommen.»

«Lügen, lauter Lügen»

Anders tönte es noch während der Flüchtlingskrise in den europäischen Medien. Die Worte «Hölle» und «Kos» kamen in jedem zweiten Artikel gemeinsam in der Schlagzeile vor. Kos habe versagt, der Bürgermeister spiele mit dem Leben der Menschen, schrieb die Zeitung «Die Welt». Er helfe den Flüchtlingen bewusst nicht, stelle kein Gebäude zur Verfügung, Essen und Getränke verteile er nur, wenn die Presse vor Ort sei. Er organisiere keine Zelte, keine Duschen, keine sanitären Anlagen, in der Hoffnung, sie gingen von selbst wieder.

«Das sind Lügen, lauter Lügen», sagt nun Sifakis. Die europäische Presse habe die Situation völlig verzerrt dargestellt, aufgebauscht. Man habe das Image des Bürgermeisters bewusst zu ruinieren versucht. Die finanziellen Einbussen in der Tourismusbranche auf Kos hätten sich nur auf rund 2,5 Prozent belaufen. «Es war ein geringer Verlust», so der Vize-Bürgermeister. «Und ich denke, wir haben ihn eher der Presse als den Flüchtlingen zu verdanken.»

Hotspot noch nicht fertig, Flüchtlinge bereits wieder weg

Schliesslich gibt er aber zu: «Ja, wir wurden überrannt, ja, wir waren überfordert. Es kamen zu viele Flüchtlinge in zu kurzer Zeit. Doch welche Insel mit unserer Grösse wäre das nicht, wenn plötzlich 10'000 Menschen die Strassen belagern?» Man habe schnell reagiert und getan, was man konnte. Für die fehlende Hilfe sei der Staat verantwortlich gewesen, nicht die Insel.

Nun müsse man aber aufhören, in der Vergangenheit herumzustochern, und in die Zukunft blicken. Die Anzahl Buchungen entsprächen zwar noch nicht dem Schnitt anderer Jahre, aber viele Touristen würden dieses Jahr aufgrund der Spezialangebote und Rabatte noch last minute buchen. «Wir brauchen, nein, wir erwarten eine tolle Saison.»

Jemand will wissen, wie viele Flüchtlinge derzeit auf Kos leben. Es bricht eine Diskussion auf Griechisch aus. Die Vertreter fauchen einander an, Monika, die Reiseleiterin, die eigentlich übersetzen sollte, blickt verwirrt. Mehrmals holt sie Luft und bricht wieder ab. Dann werden verschiedene Zahlen genannt. 100, 60, vielleicht auch weniger. «Die sind aber alle nur vorübergehen hier.» Man baue derzeit an einem Hotspot, ein Ort, wo Flüchtlinge untergebracht und versorgt werden können, bis sie registriert sind und entschieden wird, wie es für sie weitergeht. «Der Hotspot wird also erst fertig, wenn Kos bereits keine Flüchtlinge mehr zu beherbergen hat?» Sifakis: «Yes, but now we are ready.»

Nun sollten die Journalisten sich aber selbst davon überzeugen, dass es auf Kos kein Flüchtlingsproblem mehr gebe. «Schaut euch um und erzählt euren Lesern, dass sie ohne Sorge hierherkommen können.» Diesen Sommer gebe es die besten Deals, sagt auch Bachmann von Hotelplan Suisse. «Vom Preis-Leistungs-Verhältnis her lohnt sich diese Insel wohl am meisten im gesamten Mittelmeerraum.»

Damit ist die Pressekonferenz vorbei. Die ganze Truppe macht sich mitsamt Vize-Bürgermeister Sifakis auf zu einem Restaurant in der Nähe. Die Verantwortliche des Hotelverbands erzählt unterwegs von den Flüchtlingen. «Wir haben Fehler gemacht, wir waren nicht vorbereitet und wussten nicht, wie mit all diesen Menschen umgehen.» Sie wohne in der Nähe des Strandes, wo während des Höhepunkts der Krise bis zu 1000 Flüchtlinge am Tag ankamen. «Ich hörte sie schreien und um Hilfe rufen.» Irgendwann sei es dann aber still geworden. Sie wisse nicht, wie viele direkt vor ihrem Haus ertrunken seien.

«In den Ferien will man entspannen»

Im Restaurant wuseln die Kellner unterwürfig um die Gäste herum. Tische werden zusammengeschoben, Weinflaschen entkorkt, Stühle gerückt und Gläser erklingen, während es langsam eindunkelt. Die Luft ist warm und die Gespräche heiter, es wird gelacht und bald gekichert. Die Kellner bringen Teller mit Shrimps, Platten mit Oktopus, Schüsseln mit Salat, Schalen mit Zucchini, Brokkoli, Spinat und Sellerie. Noch mehr Wein wird geöffnet. Schliesslich holt der Wirt eine Flasche Scotch und eine Schachtel Zigarren.

Ein holländisches Paar sitzt in der Nähe an einem Zweiertisch und starrt fasziniert auf die Gruppe an der langen Tafel. «Es ist schön zu sehen, wie sich die Leute hier amüsieren», sagt die Frau. Sie kämen jedes Jahr mehrmals nach Kos. Im Mai, als sie das letzte Mal hier gewesen seien, hätten sie bereits gespürt, dass etwas komme, etwas nicht stimme. «Die Behörden hatten die Situation zwar noch unter Kontrolle, aber im August und September hat dann das absolute Chaos geherrscht.» Deswegen seien sie entgegen ihrer Pläne damals nicht angereist. «In den Ferien will man doch entspannen, das geht unmöglich, wenn alles voller Flüchtlinge ist.»

Nach drei Stunden herrscht Aufbruchstimmung. «Gehen wir weiter», sagt Bachmann. Wenige Minuten später fährt der Car vor und transportiert die Gesellschaft in den Club Avra. Ein langer Tisch mit weisser Decke ächzt dort unter Flaschen von Alkohol, Eiskübeln und Mischgetränken. Für viele endet der Abend erst morgens um sieben.

Facts and Figures

Auf Kos leben rund 30'000 Einwohner. Die griechische Insel in der südlichen Ägäis ist knapp 300 Quadratkilometer gross und besteht aus drei Gemeindebezirken.

Aufgrund der Nähe zur türkischen Halbinsel Bodrum ist Kos 2015 zu einem beliebten Ziel für Asylbewerber und Flüchtlinge geworden.

Den Hauptteil seiner Einnahmen – mehr als 95 Prozent – nimmt Kos über den Tourismus ein. Abgesehen davon wird auf der Insel auch Landwirtschaft betrieben.

Zu den berühmten Persönlichkeiten, die auf Kos lebten, gehört der griechische Arzt Hippokrates, der von 460 v. Chr. bis 370 v. Chr. lebte. Er wurde auf Kos geboren. Weiter gründete Berossos, ein babylonischer Priester und Historiker, die erste Astrologieschule der hellenischen Welt auf Kos. Apelles, ein griechischer Maler der Antike, starb vermutlich auf Kos.

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