Droht ohne AKW dreckiger Kohlestrom?

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3 SzenarienDroht ohne AKW dreckiger Kohlestrom?

Wie könnte der Strom, der durch den Atomausstieg wegfiele, kompensiert werden? Experten und Politiker rechnen drei Szenarien durch.

P. Michel
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P. Michel
Die Atombefürworter warnen bei einem Ausstieg aus der Kernenergie nicht nur vor einem Versorgungsengpass, sondern befürchten auch mehr Importe von «dreckigem» Strom.
Tatsächlich können die Schweizer Produzenten nicht den gesamten Strombedarf decken. Den Ausfall  kompensierten Lieferungen aus Deutschland und Frankreich. Beides Länder, die auf Kohle- oder Atomstrom setzen.
Unternehmer und ETH-Dozent Anton Gunzinger ist hingegen überzeugt, dass erneuerbare Energien den wegfallenden Atomstrom «locker» kompensieren könnten.
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Die Atombefürworter warnen bei einem Ausstieg aus der Kernenergie nicht nur vor einem Versorgungsengpass, sondern befürchten auch mehr Importe von «dreckigem» Strom.

Patrick Pleul

Die Schweizer Atomkraftwerke lieferten letztes Jahr einen Drittel des Schweizer Stroms. Diesen Anteil gilt es zu ersetzen, wenn die Kernkraftwerke bis 2029 abgeschaltet würden, wie es die Atomausstiegs-Initiative der Grünen vorsieht. Wie könnte dieser Teil der Stromproduktion kompensiert werden?

«Dreckstrom» aus dem Ausland

Die Gegner des Initiative warnen bei einem Ausstieg aus der Kernenergie nicht nur vor zunehmenden Versorgungslücken, sondern befürchten auch mehr Importe von «dreckigem» Strom.

Denn wenn die inländischen Produzenten nicht genügend Strom liefern, kompensierten bereits heute Importe aus Deutschland und Frankreich die Ausfälle. Beide Länder setzen auf Kohle oder Kernkraft.

Die Befürworter der Atomkraft befürchten zudem, dass durch den wachsenden Anteil an erneuerbaren Energien die Versorgung unzuverlässiger wird. «Wenn die Sonne nicht scheint und auch kein Wind weht, bleiben wir von Kohlestrom oder auch ausländischem Atomstrom abhängig», sagt SVP-Nationalrat Christian Imark. Mit eigenen Atomkraftwerken sei man hingegen weniger den Produktionslaunen der erneuerbaren Energien ausgeliefert und könne über die Sicherheit der eigenen Kernkraftwerke bestimmen.

Dass die Schweiz in der Not auf ausländischen Kohlestrom ausweichen müsste, glaubt Unternehmer und ETH-Dozent Anton Gunzinger nicht: «Bis das letzte AKW vom Netz geht, werden erneuerbare Energien günstiger sein als Kohle oder Atomenergie, und die Wahl für Konsumenten und Industrie wird dann klar sein.»

• Hundert Prozent erneuerbarer Strom

Gunzinger ist überzeugt, dass erneuerbare Energien den wegfallenden Atomstrom «locker» kompensieren könnten. Dazu müssten nach seinen Berechnungen die Solar- und Windkraft sowie die Biomasse massiv ausgebaut werden. Demnach wäre es nötig, gleichzeitig mit dem Abschalten des letzten AKW bis 2029 über hundert Quadratkilometer Fläche mit Solarpanels zu überbauen, was einem Viertel der gesamten Schweizer Dachfläche entspricht.

«Zudem müssten 700 Windturbinen errichtet und bis zu 200 neue grössere Biomasse-Kraftwerke in Betrieb genommen werden», sagt Gunzinger. Doch die Umstellung wäre nicht gratis: Der Preis für eine Kilowattstunde Strom würde in diesem Szenario um etwa drei Rappen steigen. Gunzinger betont: «Der Aufwand für den Umbau entspricht etwa den Kosten für die Endlagerung der radioaktiven Abfälle.»

Für SVP-Nationalrat Christian Imark sind diese Berechnungen «Träumereien». Einerseits seien für einen solchen Ausbau grosse Investitionen nötig, womit der Strom für Industrie und Konsumenten deutlich teurer würde. Er kritisiert auch, dass es Jahrzehnte brauche, bis die Kompensation greifen könnte. «Weil genau jene Kreise, die jetzt aus der Atomkraft aussteigen wollen, beispielsweise Windparks in den Bergen ablehnen, können wir langfristig nicht auf die Kernenergie verzichten.»

• Erneuerbarer Importstrom

Die Organisation Energiezukunft Schweiz geht davon aus, dass die entstehende Lücke durch den Atomausstieg mit sauberem Import-Strom gedeckt werden könnte. «Bereits heute ist jede dritte Kilowattstunde im europäischen Strommarkt aus erneuerbaren Quellen», sagt Geschäftsführer Aeneas Wanner.

Er rechnet damit, dass bis das letzte AKW abgeschaltet würde, in der EU ausreichend sauberer Strom für die Schweiz vorhanden wäre. «Und auch Schweizer Stromkonzerne werden noch mehr im Ausland in erneuerbare Kraftwerke investieren.» Laut einer Studie von Energiezukunft Schweiz könnten solche Öko-Strom-Importe zusammen mit der Förderung von inländischen erneuerbaren Energien bereits in sechs Jahren den ganzen AKW-Strom ersetzen.

SVP-Energiepolitiker Imark bleibt skeptisch. «Der Anteil an Kohle- und Atomstrom in unseren Nachbarländern ist hoch – und wird auch nicht so rasch sinken.» Er sieht das Problem von Importen darin, dass sich die Schweiz dem Preisdiktat des Auslands unterwerfen müsste. «Besonders in Zeiten der Knappheit wäre es nicht mehr sicher, ob ausländische Anbieter der Schweiz noch ausreichend Strom liefern würden.»

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