Regisseur HesseEs waren eben doch Derwische am Gotthard
Regisseur Volker Hesse bestätigt, er habe in seiner Show muslimische Figuren dargestellt. Mit solch «xenophoben Anfällen» hätte er aber nicht gerechnet.
Neues Kapitel im Derwisch-Gate: Nun äussert sich Regisseur Volker Hesse. Neben Heuhaufen seien durchaus auch Derwische durch die Gotthard-Aufführung gewirbelt, sagt er zum «St. Galler Tagblatt». «Ich wollte im Spektakel das Ausser-sich-Sein beschreiben – dazu dienen die Drehungen der Derwische und der Heuhaufenfiguren.» Jedes Kind wisse, dass man in einen anderen Zustand gerate, wenn man sich lange um sich selbst drehe.
Allerdings habe er nie an eine politische Polemik gedacht oder mit der Möglichkeit gerechnet, dass einige Zuschauer deswegen «xenophobe Anfälle» bekommen könnten. Hesse bezieht sich auf die Kritik von SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni. In einer Frage an den Bundesrat schrieb sie: «Mit tanzenden Derwischen, welche in der Enzyklopädie des Islams eine Form zur Annäherung von Allah bedeuten, werden unsere Grundwerte verraten.» Ob der Bundesrat diese «Sorgen aus der Bevölkerung» teile, wollte die Aargauerin in der nationalrätlichen Fragestunde vom Montag wissen.
Hass gegen Fremdes «verstörend»
Die Antwort des Bundesrats sorgte für Belustigung – war nach Angaben des Regisseurs aber falsch: Die künstlerische Inszenierung bediene sich «ausschliesslich an Figuren und Sagen, die der Alpenkultur entstammen», hiess es in der Stellungnahme. «Bei den angesprochenen Figuren handelte es sich nicht um Derwische, sondern um tanzende Heuhaufen.» Als Derwische werden Mitglieder einer islamischen Ordensgemeinschaft bezeichnet. Sie führen traditionell in weissen, kegelförmigen Kleidern Tänze auf, um in religiöse Ekstase zu verfallen.
Auch anderweitig erntete die Show zur Gotthard-Eröffnung Kritik: Ein barbusiger Engel und ein mutmasslich kopulierender Geissbock irritierten so manchen Zuschauer. Selbst die britische BBC räumte ein, man sei «nicht sicher, was das alles sollte».
Hesse klärt nun auf: «Die Engelsfigur erhält durch ihre Nacktheit und die Maske eine gewisse Fremdheit.» Er habe in dieser Szene an den Angelus Novus des deutschen Philosophen Walter Benjamin erinnern wollen. Einen Mangel an Schweizer Grundwerten sieht der gebürtige Deutsche in seiner Aufführung nicht. Er liebe die alpenländische Kultur, seine Frau und seine Kinder seien Schweizer. Allerdings dürfe nicht vergessen gehen, dass am Bau des Tunnels auch «unzählige Ausländer mitgearbeitet haben». Er empfinde den Hass gegen Fremdes und Internationales, der auch aus gewissen Abstimmungen spreche, als «verstörend».
Sehen Sie das Gotthard-Spektakel «Sacre del Gottardo» bei SRF in voller Länge.