Kanton zieht Schwanz einFeministinnen stürzen Männer-Lobbyisten
Nach der ersten kleinen Kritik muss der Zürcher Männerbeauftragte gehen. Das dürfte manche Gleichstellungsbeauftragte freuen. Aus diesen Kreisen kam Widerstand.

Stolperte über eine acht Monate alte Stellungnahme von Männer.ch: Der Zürcher Männerbeauftragte Markus Theunert hat am Dienstag seine Kündung bekannt gegeben.
Er war der erste Mann in der weiblich dominierten Gesellschaft der Gleichstellungbeauftragen - und ist nach drei Wochen bereits wieder weg. Der Zürcher Männerbeauftragte Markus Theunert hat am Montag seine Stelle gekündigt, die er erst Anfang Juli angetreten hatte. Damit nimmt das fortschrittliche Projekt des Kantons Zürich ein jähes Ende. Vermutlich zur Freude einiger Personen aus dem Bereich Gleichstellung.
Alte Stellungnahme ausgegraben
Vordergründiger Auslöser ist Theunerts Nebenbeschäftigung als Präsident des Vereins Männer.ch. Dieser hatte im Oktober 2011 zuhanden des Bundesrats angeregt, dass Eltern und geschulte Fachpersonen Jugendlichen unter 16 Jahren in begleiteter Umgebung pornografische Darstellungen zugänglich machen dürfen. Zwei Wochen nach dem Amtsantritt Theunerts als Männerbeauftragter leitete die «NZZ am Sonntag» aus dem acht Monate alten Papier die Forderung ab, dass an Schulen Pornos gezeigt werden sollten. Ein Zürcher SVP-Kantonsrat forderte in «20 Minuten», das diese Darstellung übernahm, im Wiederholungsfall Theunerts Rücktritt. Ansonsten blieb eine öffentliche Empörung aus.
Doch für den Kanton Zürich wurde die Angelegenheit bereits zu heikel. Er stellte Theunert ultimativ die Forderung, seine ehrenamtliche Tätigkeit als Männer.ch-Präsident niederzulegen. Sich als öffentliches Aushängeschild des Vereins zurückzuziehen und einfaches Vorstandsmitglied zu werden, reichte dem Kanton nicht. Theunert zog die Konsequenzen und kündigte am Montag seine Stelle auf Ende Juli. «Als Präsident von Männer.ch erziele ich die grössere Wirkung», begründet er seinen Entscheid.
Doppelrolle war bekannt
Für den Kanton sei Theunerts Doppelrolle problematisch gewesen, sagt Christian Zünd, Generalsekretär der zuständigen Direktion der Justiz und des Innern, vor den Medien - obwohl dieses Thema bereits bei der Anstellung diskutiert wurde. Dass nun der Kanton Theunert so rasch fallen lässt, enttäuscht Ivo Knill von Männer.ch: «Wir hätten uns gewünscht, dass sich der Kanton entschiedener hinter seinen Männerbeauftragten stellt.»
Grund für die harte Haltung der Justizdirektion ist offenbar Kritik aus gleichstellungspolitischen Kreisen. Bei einigen Personen stiess das Amt eines Männerbeauftragten von Anfang an auf Kritik. Das bestätigt auch Helena Trachsel, Leiterin der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung. Bereits im Dezember äusserte beispielsweise Sylvie Durrer, Direktorin des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung, im «Beobachter» Zweifel an der Notwendigkeit eines Männerbeauftragten. Zum Ultimatum an Theunert und dessen Kündigung will sie auf Anfrage nun nichts sagen.
Die Berufung Theunerts stiess auf zusätzlichen Widerstand, war dieser doch bereits früher mit provokanten Thesen und angriffigen Äusserungen aufgefallen. Bereits vor dem Artikel in der «NZZ am Sonntag» habe es Interventionen gegeben, sagt auch ein Insider. «Es gibt Kreise, die Gleichstellung als Frauenförderung verstehen», sagt er. Möglicherweise handle es sich um Vertreterinnen der Generation, die noch um das Frauenstimmrecht kämpfen musste. Als Beispiel für die ablehnende Haltung gegenüber dem Amt und insbesondere Theunert selbst dient die Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten, die im September in Neuenburg stattfindet. Theunert erhielt dafür keine Einladung - laut Trachsel, weil nur die Fachstellenleiter eingeladen seien. Die entsprechende E-Mail ging jedoch an mehrere Dutzend Empfänger, unter denen auch einfache Mitarbeiter sind.
Heftige Interventionen beim Kanton
Vor diesem Hintergrund bot die Publikation der acht Monate alten Stellungnahme von Männer.ch Mitte Juli offenbar mehreren Kämpferinnen für Gleichstellung eine willkommene Gelegenheit, in Zürich zu intervenieren. Die Medienberichte hätten starke interne und externe Reaktionen ausgelöst, sagte Zünd. Bei Partnerorganisationen sei es zu Irritationen gekommen. Wer sich konkret beklagt hat, will die Fachstellenleiterin Trachsel nicht ausführen. Einzig eine offizielle Kontaktaufnahme der Neuenburger Gleichstellungsbeauftragten, welche derzeit das Präsidium der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten innehat, bestätigt sie.
Dass der Kanton Theunert Bedingungen gestellt hat, findet Etiennette J. Verrey nur konsequent. Die Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, der auch Theunert angehört, bezeichnet die Forderung von Männer.ch als unreflektiert und unsensibel. «Es entsteht der Eindruck, dass für den Verein die Medienwirksamkeit im Vordergrund stand.» Bei einer Neubesetzung der Stelle müssten die Bewerber sehr genau geprüft werden.
Die kritische Bemerkung Verreys hat eine Vorgeschichte: Ende 2009 beantragte Theunert die Umbennenung in «Kommission für Gleichstellungsfragen». Das Gremium mit einem lächerlich tiefen Männeranteil lehnte einstimmig ab. Eine Quelle bezeichnet die Berufung Theunerts in die Kommission als Betriebsunfall.
Stelle soll neu besetzt werden
Mit den Angriffen auf den streitbaren Theunert und seinem Rücktritt hat das Projekt des Zürcher Männerbeauftragten einen herben Dämpfer erlitten. Zünd von der Justizdirektion gibt sich zuversichtlich, dass die Stelle wieder besetzt werde. Zuerst müsse die Angelegenheit jedoch mit Regierungsrat Martin Graf besprochen werden, der in den Ferien weilt. Theunerts Nachfolger dürfte es nicht leicht haben im Becken der weiblichen Gleichstellungs-Haifische.