Jeder fünfte Deutsche fühlt sich unwillkommen

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ZuwanderungJeder fünfte Deutsche fühlt sich unwillkommen

Eine neue Studie belegt: Viele Deutsche empfinden ihre Sprache als «Defizit» und die Schweizer als feindselig.

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Deutsche in der Schweiz erzählen, warum die Sprache das grösste Hindernis ist und welche negativen Erfahrungen sie gemacht haben. (Video: ehs)

An der Universität Zürich herrschte laut der SVP «deutscher Filz», und eine Zeitung fragte: «Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?» Vor zehn Jahren tobte eine Diskussion um die damals stark gewachsene Einwanderung von Deutschen. In den Jahren danach ebbte sie scheinbar wieder ab.

Doch eine neue Studie der Universität Bern belegt: Mehr als jeder fünfte der befragten in der Schweiz lebenden Deutschen fühlt sich weiterhin nicht willkommen. Die Autorin Michelle Fontijne verglich die Situation der Deutschen in der Schweiz in ihrer Arbeit mit der Lage der Deutschen in den Niederlanden. Dort fühlen sich die Deutschen deutlich wohler als hierzulande.

Deutsche sehen Aussprache als Defizit

15 Prozent der befragten Deutschen gaben an, ihnen sei wegen ihrer Nationalität schon einmal eine Anstellung verweigert worden. 18 Prozent glauben, dass ihre Nationalität der Grund gewesen sei, weshalb sie eine Wohnung oder ein Haus nicht hätten mieten oder kaufen dürfen. Jeder fünfte Deutsche in der Schweiz sagt, er habe schon in Vierteln gelebt, in denen die Nachbarn ihm das Leben wegen der Nationalität schwer gemacht hätten. Sogar nur jeder vierte Deutsche glaubt, dass er nie weniger höflich behandelt werde als andere Menschen.

«Die Abwehrhaltung der Deutschschweizer gegenüber Deutschen lässt sich auf die Konkurrenzsituation um Arbeitsplätze sowie eine gewünschte Abgrenzung der nationalen Identität aufgrund der Ähnlichkeit zu Deutschen zurückführen», schreibt Autorin Fontijne. Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass eine antideutsche Grundstimmung von vielen wahrgenommen werde. «Beispielsweise geben 26 Prozent der Deutschen an, dass ihre Aussprache ein Defizit ist.»

«Österreicher Dialekt kommt besser an»

Dass die Sprache ein Problem sein kann, zeigt auch eine Umfrage am Zürcher Stammtisch des Vereins Deutsch-Schweiz. «Ich als Deutscher empfinde es als Nachteil, dass ich kein Schweizerdeutsch spreche», sagt Herbert Trümper (siehe Video). Die Sprache sei ein wichtiges Integrationsmittel. Er versuche jeweils, einige Worte Schweizerdeutsch zu sprechen. «So signalisiere ich meinem Gegenüber: Du kannst Dialekt sprechen. So fühlen sich viele Schweizer wohl.»

Sales Managerin Katharina Kunze sagt: «Es ist einfacher, wenn ich einen österreichischen Akzent auflege, wenn ich etwa einen Tisch im Restaurant bestelle.» Das hänge wohl damit zusammen, dass sich viele Schweizer anstrengen müssten, um Hochdeutsch zu sprechen. Trotzdem: «Ich bin ein sehr offener Mensch und habe schnell Anschluss gefunden. Negative Erfahrungen bei der Wohnungssuche oder im Privatleben hatte ich wegen meines Deutschseins nie.»

Unterschiede zwischen den Regionen

Die Norddeutsche Sylvie B., die als Lehrperson im Gesundheitswesen arbeitet, sagt, die Unterschiede zwischen den Regionen seien gross. «Im Walliser Dorf, in dem ich anfangs gewohnt habe, ist die Mentalität anders. Wenige Familien beherrschen das öffentliche Leben. Dort fällt jede fremde Nase auf. Die einen begrüssen dich freundlich, die anderen möchten dich am liebsten mit dem Elektroauto umfahren.» Zürich hingegen sei offen und multikulturell, die Sprache einfacher zu verstehen. Mittlerweile habe sie einen Mittelweg gefunden, der es ihr erlaube, sich selbst zu sein. B. strebt nun die Schweizer Staatsbürgerschaft an.

Matthias Estermann, Präsident des Vereins Deutsch-Schweiz, sagt, wer neu in die Schweiz ziehe, kämpfe oft mit der Geschwindigkeit. «Deutsche sind oft doch recht zügig und überfordern die Schweizer. Sie sollten ein, zwei Gänge runterschalten.» Es gebe Deutsche, die negative Erfahrungen gemacht haben. «Einige haben immer wieder Pech und laufen in Sachen rein», sagt Estermann. Seit den Jahren 2006/2007 sei die Lage aber wesentlich besser und entspannter geworden. «Ich bin der Meinung, wie man in den Wald hineinruft, so kommt es zurück», sagt Estermann.

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