Mädchen werden häufiger stationär behandelt

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JugendpsychiatrieMädchen werden häufiger stationär behandelt

60 Prozent der stationär behandelten Jugendlichen sind weiblich. Grund ist die Selbstgefährdung. Buben werden eher erzieherisch betreut.

T. Mathis
von
T. Mathis
In der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich werden Kinder und Jugendliche behandelt. Die Aufenthaltsdauer beträgt einige Tage bis mehrere Monate.
Mädchen werden öfter stationär behandelt, weil sie vermehrt Störungen zeigen, deren Behandlung einen Spitalaufenthalt nötig macht.
Zudem würden junge Frauen psychologische Schwierigkeiten eher zeigen als Buben.
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In der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich werden Kinder und Jugendliche behandelt. Die Aufenthaltsdauer beträgt einige Tage bis mehrere Monate.

Thomas Mathis

2528 Kinder und Jugendliche wurden 2015 stationär in einer Klinik psychologisch behandelt, wie eine Studie des Spitalverbands H+ zeigt. Davon waren knapp 60 Prozent Mädchen und 40 Prozent Buben. Fast vier von fünf waren länger als sieben Tage in der Psychiatrie.

Dass Mädchen häufiger stationär behandelt werden, ist für Chefärztin Dagmar Pauli nicht erstaunlich. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin leitet die Jugendabteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und hat täglich mit jungen Patientinnen zu tun. «Bei Mädchen treten Suizidgedanken und Depressionen häufiger auf, insbesondere während und nach der Pubertät», so Pauli. Buben würden eher an Aufmerksamkeitsstörungen leiden, was in den meisten Fällen ohne stationären Aufenthalt behandelt werden könne.

«Mädchen suchen schneller Hilfe»

Zudem würden junge Frauen psychologische Schwierigkeiten eher zeigen als Buben. «Mädchen suchen schneller Hilfe», so die Psychiaterin. Im Spital blieben Jugendliche nur dann, wenn eine konkrete Gefahr bestehe und die psychische Störung sehr gravierend sei. Eine stationäre Behandlung dauere zwischen einigen Tagen und mehreren Monaten.

Raphael Eisenring, stellvertretender Chefarzt bei den Psychiatrischen Diensten Aargau, sieht den Grund für die unterschiedliche Häufigkeit ebenfalls bei den Krankheitsbildern: «Mädchen zeigen in der Pubertät vermehrt Störungen, deren Behandlung einen Spitalaufenthalt nötig macht, unter anderem auch zu ihrem Schutz.» Beispiele dafür seien Suizidgedanken, Selbstverletzung und verschiedene Formen von Essstörungen mit Gewichtsverlust.

«Es gibt eine Unterversorgung»

Der Anteil von Mädchen mit stationärer Behandlung ist grösser, obwohl Buben laut internationalen Studien häufiger psychisch erkranken. Sie legen eher oppositionelles Verhalten, Unruhe sowie verbale oder physische Gewalt an den Tag. Im Unterschied zu jungen Frauen werden sie deshalb öfter erzieherisch betreut oder gar jugendstrafrechtlich belangt.

Eisenring kritisiert, dass die Schweiz im Bereich der Jugendpsychiatrie deutlich unterversorgt sei und es insbesondere zu wenig ambulante Behandlungsplätze gebe. Die Grund dafür sei hauptsächlich, dass psychische Erkrankungen bei Jugendlichen nach wie vor stigmatisiert würden. Das wirke sich auch auf die Gesellschaft aus: «Unbehandelte oder zu spät behandelte psychische Erkrankungen sind einer der häufigste Gründe für Einschränkungen in der Arbeitsfähigkeit und im Zusammenleben.»

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Online-Beratung für Jugendliche mit Suizidgedanken: U25-schweiz.ch

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Psychiatrische Dienste Aargau AG, Zentrale Anmeldung für Kinder und Jugendliche (ZAKJ): 056 462 20 10, kj.zentrale@pdag.ch

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net)

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch)

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch)

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