Rasanter WandelLittering ist den meisten Jugendlichen egal
Die Schweiz ist bekannt für Sauberkeit und Ordnung. Die meisten Einwohner möchten, dass das so bleibt. Doch Littering ärgert nicht mehr alle.
Die Liebe der Schweizer zu totaler Sauberkeit ist längst ein Klischee: Schon in «Asterix bei den Schweizern» (1970) verbrachten die Helvetier die meiste Zeit mit putzen. Noch heute staunen Touristen aus nah und fern über die Sauberkeit im Land. Aber das Markenzeichen scheint bedroht: Littering, das Herumliegenlassen von Kleinmengen von Abfall aller Art, erhitzt Schweizer Gemüter seit Jahren.
Die Unsitte wird mit Kampagnen, Putz-Equipen und neuen Abfallkonzepten an allen Fronten bekämpft. Bussen für Abfall-Kleinsünder, in vielen Kantonen längst Realität, sollen bald landesweit eingeführt werden. Doch verbreiten die Massnahmen auch den gewünschten Willen zur Sauberkeit in der Bevölkerung? Eine repräsentative Studie lässt darüber Zweifel aufkommen.
Littering stört signifikant weniger
Es handelt sich um die Schweizerische Sicherheitsbefragung 2015 im Auftrag der Konferenz der Kantonalen Polizeikommandanten, die am Montag veröffentlicht wurde. Sie stellte nicht nur einen Rückgang bei Straftaten fest: Auch beim Thema Littering gibt es im Vergleich zur Sicherheitsstudie 2011 eine signifikante Veränderung.
Zwar geht die Studie nicht der Frage nach, ob Littering zu- oder abgenommen hat. Aber eine der Fragen lautet: «Gibt es störende Sachen auf der Strasse? Wenn ja, was?» Darauf haben 2011 noch 51,8 Prozent «Littering (Herumliegen von Abfällen)» genannt. Ein Ärgernis, weit grösser als «Drogenabhängige, -Handel» (38,8 Prozent). Auch bei den Befragten, die jünger als 26 Jahre waren, empfanden 38,7 Prozent Littering als störend. Ganz anders wenige Jahre später: Littering stört 2015 nur noch 41,7 Prozent der Schweizer. Der Grund: Während die älteren Befragten Littering immer noch als relativ störend empfanden (nur leichte Abnahme), ist das Thema für die unter 26-Jährigen nur noch halb so brisant: 20 Prozent empfinden Littering noch als «störend». Das ist nur noch jeder fünfte junge Schweizer.
«Vielleicht hat man sich ans Littering gewöhnt»
Warum diese markante Abnahme? Rechtsprofessor Martin Killias, der Studienleiter der Sicherheitsstudie, sagt: «Ein Grund für das anhaltende Littering kann sein, dass viele Lebensmittel unterwegs konsumiert werden. Die Verpackungen oder Getränkedosen sieht man ja an jedem Wiesenrand, an jeder Strasse herumliegen.» Über den signifikanten Wandel bei den Jugendlichen könne man nur spekulieren. Killias: «Vielleicht hat man sich irgendwie ans Littering gewöhnt.»
Greifen denn die vielen Präventionskampagnen nicht? Killias sagt, das Problem liege darin, dass man es nicht mit Sicherheit wisse: «Das ist ein allgemeines Problem von Präventionskampagnen: Wir stellen zwar – auch in unserer Studie – eine Beachtung von Kampagnen fest, aber ob sie auch etwas Positives bewirken, weiss man nicht eigentlich.» Er schlägt vor, dass es Studien zu Präventivkampagnen brauche. Auch, so Kilias, um diese zu verbessern: «Man muss sich schon fragen, ob man nicht auch präventive Kampagnen auf ihre Wirksamkeit untersuchen müsste – da sie viel kosten, wäre das sogar gut eingesetztes Geld.»
«Massnahmen und Studien zeigen Wirkung»
«Uns war das so nicht bewusst», sagt Marco Buletti, Leiter Sektion Abfallbewirtschaftung beim Bundesamt für Umwelt Bafu, über die veränderte Einstellung zum Littering bei jungen Schweizern. Erklären könne man es womöglich mit «mittlerweile noch weiter veränderten Konsumgewohnheiten – mit noch mehr Mahlzeiten, die unterwegs eingenommen werden». Buletti hält aber fest: «Wir erhalten unverändert viele Anfragen zum Thema Littering, das Thema beschäftigt die Bevölkerung unvermindert stark.» Und: «Es gibt nicht das eine, heilige Lösungsmittel: Die Mischung aus Information, Sensibilisierung, Repression und Einbeziehung der Produzenten ist am erfolgreichsten.»
Immerhin, so Buletti, wird das Littering-Problem in der Wahrnehmung der Leute nicht grösser – Ziel sei, es langsam zu senken. Das betont auch Yves Gartner (siehe Interview) von IG saubere Umwelt (IGSU), der auch 20 Minuten angehört: Die Littering-Situation sei trotz mehr Unterwegskonsum und Bevölkerungszuwachs stabil geblieben – das sei positiv zu werten und zeige, dass die «Massnahmen und Kampagnen durchaus Wirkung zeigen».

Wie schlimm steht es ums Littering?
Herr Gärtner*, wie erklären Sie sich den starken Rückgang von Jugendlichen, die sich an Littering stören?
Hier verweise ich gerne auf unsere letztjährige Studie zum Thema: Sie hat gezeigt, dass die Littering-Situation in der Schweiz in den vergangenen Jahren stabil geblieben, sich teilweise sogar verbessert hat.
Warum nimmt das Problembewusstsein ab, wenn das Littering stabil bleibt?
Das mag paradox klingen, aber die Entwicklung beim Littering ist nicht unerfreulich: Der Unterwegskonsum hat allein in den letzten 10 Jahren um rund 25 Prozent zugenommen – die Bevölkerung hat, gerade in den Ballungszentren, ebenfalls zugenommen. Trotzdem beurteilen 1580 befragte Passanten die Situation als gleichbleibend – und nicht als schlechter.
Gibt es da konkrete Zahlen?
Die sind sehr schwer zu ermitteln. Aber die Einschätzung wird auch von den Städten Basel, Luzern, Zug und Zürich bestätigt. Trotz Zunahme des Take-Away-Konsums, trotz mehr Menschen: Absolut gesehen gibt es nicht mehr Littering. Das zeigt, dass die Massnahmen und Kampagnen durchaus Wirkung zeigen.
*Yves Gärtner ist Projektleiter und Botschafter bei der IG saubere Umwelt (IGSU), die sich gegen Littering einsetzt.