Neutrales Geschlecht soll in den Schweizer Pass

Aktualisiert

Weder Mann noch FrauNeutrales Geschlecht soll in den Schweizer Pass

In Kanada kann man künftig ein drittes Geschlecht im Pass angeben. Auch Schweizer machen sich für das Geschlecht X stark.

Silvana Schreier
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Silvana Schreier
Künftig können Kanadier in ihren Pässen bei der Geschlechtsangabe ein X eintragen lassen. Die Ausweise sollen damit «besser der sexuellen Identität» der Betroffenen entsprechen, wie die kanadische Regierung vergangene Woche mitteilte.
Sibel Arslan, Nationalrätin der Grünen, befürwortet diese Anpassung: «Das ist für Intersex-Menschen ein grosser Fortschritt. Die Betroffenen bekommen damit die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie sie sich definieren wollen.»
SVP-Nationalrat Sebastian Frehner versteht den Rummel um die Geschlechterfrage jedoch nicht: «Vor zehn Jahren sprach noch niemand über andere Geschlechter. Warum ist das jetzt so wichtig?»
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Künftig können Kanadier in ihren Pässen bei der Geschlechtsangabe ein X eintragen lassen. Die Ausweise sollen damit «besser der sexuellen Identität» der Betroffenen entsprechen, wie die kanadische Regierung vergangene Woche mitteilte.

Keystone/Peter Klaunzer

Wer weder als Frau noch als Mann bezeichnet werden will, hat in Kanada eine dritte Möglichkeit: Künftig können Betroffene in ihren Pässen bei der Geschlechtsangabe ein «X» eintragen lassen. Die Ausweise sollen damit «besser der sexuellen Identität» der Betroffenen entsprechen, wie die kanadische Regierung kürzlich mitteilte.

Intersex-Menschen, die nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zugeordnet werden können, müssen sich währenddessen in der Schweiz entscheiden: Bin ich Frau oder Mann? Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne) setzt sich seit Jahren für die Gleichstellung der Geschlechter ein: «Das ist für Intersex-Menschen ein grosser Fortschritt. Die Betroffenen bekommen damit die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie sie sich definieren wollen.» Trotzdem könnten auch Probleme aufkommen: «Für die Personen mit einem X im Pass kann es schwierig werden, wenn sie sich immer gegen aussen erklären müssen.»

Ein X würde vielen Menschen das Leben erleichtern

«Das X steht für alle Geschlechtsidentitäten, die nicht klar weiblich oder männlich sind. Es können ganz verschiedene Identitäten dahinterstehen», sagt Janna Kraus vom Transgender Network Schweiz. «Eine simple Erweiterung um eine einzige Option» würde einer grossen Zahl von Menschen das Leben erleichtern.

Kraus befürwortet die Einführung einer solchen Regelung auch in der Schweiz: «Non-binäre Menschen, die sich nicht mit den Kategorien Frau oder Mann identifizieren, wären damit von dem völlig antiquierten und überflüssigen Zwang befreit, sich einen nicht zutreffenden Geschlechtsmarker eintragen zu lassen.»

«Im Normalfall ist man doch weiblich oder männlich»

Sebastian Frehner versteht den Rummel um die Geschlechterfrage nicht: «Vor zehn Jahren sprach noch niemand über andere Geschlechter. Warum ist das jetzt so wichtig?», sagt der SVP-Nationalrat. Es sei zur Mode geworden, nicht der Norm zu entsprechen. Denn so Frehner: «Im Normalfall ist man doch weiblich oder männlich, heterosexuell und man will eine Familie.»

Die Neuerung in Kanada sieht Frehner kritisch: «Wenn es den Betroffenen durch die Änderung des Geschlechts im Pass besser gehen würde, dann meinetwegen. Aber die machen es nur, um Ansprüche geltend zu machen. Sie wollen eigene Toiletten, fordern die eingetragene Partnerschaft und das Adoptionsrecht ein.» Nur weil sich jemand anders fühle, sei das noch kein Grund, das Geschlecht im Pass zu ändern. «Ich ändere meine Augenfarbe auf dem Ausweis ja auch nicht zu grün, nur weil ich gern grüne Augen hätte», so Frehner.

Anpassung im Schweizer Pass ist kein Thema

«Beim Bundesamt für Justiz ist zurzeit eine Vorlage betreffend Inter- und Transmenschen zur Änderung des Geschlechts im Zivilstandsregister in Erarbeitung», sagt Eduard Jaun, Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann. Die Vorlage werde voraussichtlich im November in die Vernehmlassung gehen.

«Wir sprechen momentan mit Fachleuten, Betroffenen, Transmenschen und Menschen mit Geschlechtsvarianten, um eine gute Lösung erarbeiten zu können», sagt Michael Schöll, Vizedirektor des Bundesamts für Justiz (BJ). Da es für viele noch immer ein Tabu-Thema sei, müsse man behutsam vorgehen. «Der Fokus des BJ ist die Änderung des Geschlechtseintrags im Zivilstandsregister. Die Einführung eines dritten Geschlechts ist derzeit kein Thema», so Schöll.

Diese sexuelle Orientierungen gibt es:

Heterosexuell: Männer, die Frauen lieben, und Frauen, die Männer lieben.

Homosexuell: Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben.

Bisexuell: Menschen, die sowohl auf Frauen als auch auf Männer stehen.

Queer: Das Gegenteil von «straight», also alles, was von der Heterosexualität abweicht.

Questioning: Dass man dabei ist, seine Geschlechtsidentität zu finden.

Pansexuell: Personen, die sich in eine Person und nicht in das Geschlecht verlieben.

Asexuell: Personen, denen der Geschlechtsverkehr nichts oder wenig bedeutet. Sie können ebenfalls heterosexuell, homosexuell, bisexuell, queer oder pansexuell sein. (sil)

Diese Geschlechtsidentitäten gibt es:

Trans*: Menschen, die nicht das Geschlecht haben, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Mit dem Sternchen sollen möglichst alle Personen und Geschlechter miteinbezogen werden.

Transmann: Personen, die sich als Mann identifizieren, aber bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeteilt wurden.

Transfrau: Personen, die sich als Frau identifizieren, aber bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugeteilt wurden.

Cis: Personen, die mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, einverstanden sind.

Intersexuell: Personen, die mit Geschlechtsmerkmalen geboren wurden, die nicht eindeutig männlich oder weiblich sind.

Genderqueer/Genderfluid: Personen, die sich weder als Frau noch als Mann identifizieren. Sie sehen sich zwischen den Geschlechtern. (sil)

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