Parteien reissen sich um SVP-Schreck Kleiner

Aktualisiert

Operation-Libero-ChefinParteien reissen sich um SVP-Schreck Kleiner

Sie wurde über Nacht zum Gesicht der SVP-Gegner. Bereits machen ihr zahlreiche Parteien den Hof – doch Flavia Kleiner (25) winkt ab.

J. Büchi
von
J. Büchi

Und plötzlich ist sie eine der gefragtesten Frauen der Schweiz. Flavia Kleiner (25) eilt seit Sonntag von Mikrofon zu Mikrofon. Ihr Siegesjubel ziert diverse Zeitungsseiten, auf allen Kanälen rechnet sie mit der «Angstmacherei» der «SVP-Trolls» ab.

Die Co-Präsidentin der Operation Libero – gross, blonder Lockenkopf, unerschrockener Auftritt– ist das Gesicht der Protestbewegung, die sich im Vorfeld der DSI-Abstimmung wie aus dem Nichts formiert hat. Jener «Mutbürger», die nach eigenem Verständnis für den Rechtsstaat und die Demokratie einstehen. Oder, wie es der «Tages-Anzeiger» formulierte: der «Albtraum der SVP».

Bundeshaus-Badge von Tim Guldimann

Schon vor Monaten weibelte die Zeitgeschichtsstudentin im Bundeshaus unermüdlich für ihr Anliegen. Sie bearbeitete Politiker, als sich Bern noch mitten im Nach-Wahl-Kater befand. «Ich hatte den Eindruck, dass viele noch keine Lust hatten, sich bereits wieder in die nächste Schlacht zu stürzen», so Kleiner rückblickend.

Begonnen hatte alles im August 2014, als Kleiner mit Freunden die Operation Libero gegründete – als Reaktion auf die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Slogan: «Chancenland statt Freilichtmuseum». Auf ihrer Suche nach Support fuhr die Zürcherin nach Berlin, bat den damaligen Schweizer Botschafter Tim Guldimann um ein Treffen. Und machte ihm offensichtlich Eindruck: Als der Auslandschweizer im Herbst für die Zürcher SP in den Nationalrat gewählt wurde, bot er ihr seinen Zutrittsbadge zum Bundeshaus an.

«Es gibt viele Organisationen, die gerne einen Badge hätten – aber ich dachte sofort an Flavia», so Guldimann auf Anfrage. Er finde es beeindruckend, wie selbstlos sich die junge Frau engagiere. «Wenn man einen Club wie die Operation Libero gründet, kann man nicht davon ausgehen, dass er so erfolgreich wird. Man macht es aus Idealismus.» Davon habe auch der Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative profitiert: «Es war ein Aufstand der Anständigen.»

FDP, JGLP und SP werben um sie

FDP-Ständerat Andrea Caroni, der als Co-Präsident des bürgerlichen Gegenkomitees Seite an Seite mit Kleiner gekämpft hat, sagt: «Flavia hat einen ansteckenden Pathos. Man nimmt es ihr ab, dass sie sich grosse Sorgen um die Schweiz macht.» Als Nicht-Politikerin habe Kleiner die Freiheit, «mit einem grösseren Pinsel zu zeichnen» als die Parlamentarier, die später an jedem Wort gemessen würden.

Caroni sähe Kleiner gern in seiner eigenen Partei. «Ich habe schon bei unserer ersten Begegnung versucht, sie anzuwerben – und ich werde nicht locker lassen.» Er ist nicht der Einzige: Die Jungen Grünliberalen machen ihr via Twitter den Hof. Und selbstredend würde sich auch Guldimann über eine SP-Politikerin Kleiner freuen. Er sagt aber: «Das ist ihre Entscheidung, Politik muss nicht zwingend in den etablierten Bahnen verlaufen.»

WG wurde zu Hauptquartier

Kleiner, die aus einem freisinnigen Elternhaus im zürcherischen Niederhasli stammt, lehnt die Avancen ab. «Die FDP ist mir zu wenig gesellschaftsliberal, die SP zu wenig wirtschaftsliberal.» Auch schätze sie es, Teil einer jungen Bewegung zu sein, «die nicht in eingerosteten Strukturen gefangen ist».

Improvisation sei in der Kampagne gegen die DSI zentral gewesen, sagt Kleiner. Zeitweise habe ihre WG einem Bienenhaus geglichen: Im Minutentakt seien Helfer eingetroffen, die einen Nachschub an Flyern oder Plakaten abgeholt hätten. «Am meisten hat es mich gefreut, als uns plötzlich Freiwillige, die wir nicht kannten, am Bahnhof in Bern unsere Flugblätter in die Hand drückten. Da merkten wir, welche Eigendynamik die Bewegung entwickelt hatte.»

Diesen Schwung will sie in künftige Kampagnen mitnehmen. «Viele Leute in meinem Alter wurden in diesem Abstimmungskampf politisiert. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Bewegung wieder einschläft.» Besonders angesprochen seien junge Leute, die viel reisten und keine Zeit hätten, sich in einer etablierten Partei zu engagieren. «Sie dürfen der Politik nicht den Rücken kehren und einfach in die Privatwirtschaft abhauen. Wir müssen ihnen zeigen, dass sich freiwilliges Engagement in jeder Form lohnt.»

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