Pornosucht wird zum Problem für Junge

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Ansturm auf BeratungenPornosucht wird zum Problem für Junge

Junge Erwachsene suchen öfter wegen ihres Pornokonsums einen Therapeuten auf. Experten sehen Schulen und Eltern in der Pflicht.

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Pornosüchtig: «Sex mit einer Partnerin scheint plötzlich kompliziert zu sein», sagt Sexologin Marie-Hélène Stauffacher.

Pornosüchtig: «Sex mit einer Partnerin scheint plötzlich kompliziert zu sein», sagt Sexologin Marie-Hélène Stauffacher.

Schweizer Sexualtherapeuten schlagen Alarm: Die Zahl der jungen Erwachsenen, die pornosüchtig sind, steige rasch an. Dania Schiftan vom Zentrum für interdisziplinäre Sexologie und Medizin in Zürich sagt auf Anfrage, sie berate vermehrt junge Leute, für die der Pornokonsum zum Problem geworden sei. «Viele von ihnen fragen sich: Ist es noch normal, wie viele Pornos ich schaue?» Bei manchen gehe es auch am Arbeitsplatz und unterwegs nicht mehr ohne Pornos.

Auch die Westschweizer Sexologin Marie-Hélène Stauffacher stellt fest, dass sich immer mehr unter 25-Jährige deswegen bei ihr behandeln lassen. «Gerade junge Männer sehen in Pornos einen direkten Weg zur Befriedigung», sagt sie in der Zeitung «Le Matin». Die Folge: «Sex mit einer Partnerin scheint plötzlich kompliziert zu sein.» Die Jungs befürchteten, zu wenig Ausdauer zu haben und die Mädchen, den Vorstellungen ihrer Partner nicht gerecht zu werden.

Laut Cornelia Bessler, Chefärztin der Kinder- und Jugendforensik in Zürich, birgt übermässiger Pornokonsum denn auch Gefahren für Teenager. Während der Pubertät seien Jugendliche sehr neugierig, was Sexualität angeht. Doch mit den Bildern, auf die sie während ihrer Suche im Internet stiessen, seien viele überfordert: «So kommt es zu Fehlannahmen, was einer Frau gefällt und was nicht.» Zudem seien diese Jugendlichen dann nicht mehr empfänglich für zarte Flirts, es müsse immer gleich zum Geschlechtsverkehr kommen. Diese Jugendlichen bräuchten Aufklärung – «in jeder Hinsicht.»

«Das ist wie mit dem Essen vor dem TV»

Laut Schiftan müssen die Betroffenen lernen, die Filme wieder bewusster zu schauen: Sie rate den Klienten etwa, die Filme im Stehen zu konsumieren. «So können sie sich besser auf die Selbstbefriedigung konzentrieren. Sonst ist das wie mit dem Essen vor dem Fernseher: Man macht es einfach, ohne es richtig zu bemerken.»

Was die Aufklärung betrifft, sieht Schiftan sowohl die Schulen als auch die Eltern in der Pflicht: «Neue technologische Möglichkeiten schüren immer auch Ängste. Umso wichtiger ist es, dass ein Rahmen geschaffen wird, in dem die Jugendlichen lernen, mit pornografischen Inhalten umzugehen.»

«Unnötige Ängste» wegen mangelnder Aufklärung

Dass die Aufklärung der Jungen heute mangelhaft ist, stellt Schiftan regelmässig fest: «Längst nicht alle Jugendlichen, die bei mir landen, sind pornosüchtig – viele haben einfach nur offene Fragen.» Dass diese trotzdem den Gang zur Beraterin wählen, erstaunt Bruno Wermuth, Paar- und Sexualberater und «Doktor Sex» bei 20 Minuten, nicht: «Da oft weder Lehrer noch Eltern in der Lage sind, offen mit den Jugendlichen über Pornos zu reden, bleibt diesen nichts anderes übrig, als sich anderswo Antworten zu holen.» Da die meisten erwachsenen Männer ihren Pornokonsum verheimlichten, lernten die Jugendlichen nirgends, zwischen einem angemessenen Konsum und süchtigem Verhalten zu unterscheiden: Viele glaubten, ein regelmässiger Konsum von Pornos sei gleichbedeutend mit einer Sucht. «Dies ist fatal und führt zu unnötigen Ängsten bei den jungen Menschen.»

Wermuth begrüsst es deshalb, dass sich die Jugendlichen zunehmend an Fachpersonen wenden und ihre Ängste nicht nur in ihrem sozialen Umfeld diskutieren, «in dem nur Halbwissen vorhanden ist.» Ein Blick auf die bestehenden Informationsangebote zeigt denn auch: Die Nachfrage ist gross. Bei der Notrufnummer 147 von Pro Juventute melden sich jede Woche durchschnittlich zwei Jugendliche spezifisch zum Thema Pornos. Und bei der Zürcher Fachstelle für Sexualpädagogik «Lust und Frust» heisst es: «Bei unseren Klassenbesuchen tauchen regelmässig Fragen dazu auf.»

Sind Sie pornosüchtig oder haben Sie Fragen zu Ihrem Pornokonsum? Dann schreiben Sie unserem «Doktor Sex», Bruno Wermuth: feedback@20minuten.ch

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