Roboter-Operationen sind vor allem teurer

Aktualisiert

Kritische StudieRoboter-Operationen sind vor allem teurer

Immer mehr Schweizer wollen sich von Robotern operieren lassen. Doch die Eingriffe sind teuer und an Sicherheit und Nutzen der Roboter kommen Zweifel auf.

sth
von
sth
Mit Joysticks und Pedale: Den «Da Vinci» zu bedienen sei fast wie Orgel spielen, sagt Ralph Schmid, Chirurg am Inselspital Bern.

Mit Joysticks und Pedale: Den «Da Vinci» zu bedienen sei fast wie Orgel spielen, sagt Ralph Schmid, Chirurg am Inselspital Bern.

Die Hände des Chirurgen bewegen die Joysticks, die die Roboterarme lenken. Der Chirurg sitzt vor einer Konsole und blickt auf ein dreidimensionales Videobild der Prostata, die er entfernt. Auf dem Operationstisch im Hintergrund liegt der krebskranke Patient – neben ihm steht ein Anästhesist, über ihm der vielarmige Operationsrobter «Da Vinci».

Die futuristisch anmutende Szenerie ist mittlerweile Alltag in vielen Schweizer Spitälern: «90 Prozent aller Eingriffe bei Prostatakrebs machen wir mittlerweile mit dem Roboter», sagt Stephen Wyler vom Universitätsspital Basel. Jährlich operiert er gegen 150 Patienten, darunter sind auch Nierenoperationen. Ralph Schmid vom Inselspital Bern, der mit dem «Da Vinci» auch Operationen im Brustbereich bestreitet, sagt:«Wir machen jedes Jahr 20 Prozent mehr roboterassistierte Operationen.» Fast 300 Roboter-Eingriffe nahm 2012 die Urologie-Klinik des Unispitals Zürich vor, ein deutlicher Anstieg gegenüber 2010 (174 Eingriffe), und seit Beginn der «Da Vinci»-OPs im Jahr 2002 (25 Eingriffe).

Teurer, aber nicht besser

«Roboterassistierte Operationen sind «in». Die Leute fragen danach», kommentiert die Patientenschützerin Margrit Kessler die Entwicklungen. Nun lässt aber eine neue Studie am Nutzen des Geräts zweifeln: Nach der Auswertung von mehr als 260000 Operationen kommen Jason Wright von der Columbia University in New York und seine Kollegen zu einem vernichtenden Urteil für den «Da Vinci». Zwischen den Roboter-OPs und herkömmlichen Eingriffen gebe es primär einen Unterschied, schreiben die Autoren im Fachmagazin «Jama»: den Preis. Die Zahl der Komplikationen, der benötigten Bluttransfusionen und die Dauer des Krankenhausaufenthalts waren dagegen vergleichbar.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg droht dem «Da Vinci»-Hersteller Intuitive Surgical in den USA aber noch weiteres Ungemach: Dem Bericht zufolge hat die Zahl der gemeldeten Zwischenfälle mit dem Robotersystem zugenommen. Darum befragt die US-Zulassungsbehörde FDA derzeit Ärzte zur Sicherheit des Robotersystems. Im US-Bundesstaat Washington wird Intuitive Surgical zudem beschuldigt, in Krankenhäusern darauf gedrängt zu haben, dass Ärzte ohne ausreichendes Training mit Hilfe der Roboter operieren sollten. «Am Anfang gibt es wie bei jeder neuen Technik eine Lernkurve», sagt Ralph Schmid vom Inselspital Bern. «Man muss sich daran gewöhnen, ohne Tastgefühl zu operieren», so Schmid.

Patientenschützerin Kessler warnt deshalb die Patienten: «Es gibt keine verlässlichen Studien über die Gefährlichkeit dieser Operationen. Die Patienten sind Versuchskaninchen.» Das einzige sichere dabei seien die erhöhten Kosten, so Kessler.

3 Millionen pro Roboter

Neben Anschaffungskosten von 3 Mio. Franken treiben die speziellen Roboterinstrumente, die im Schnitt nach zehn Operationen ersetzt werden müssen, die Kosten in die Höhe: «Die Zusatzkosten betragen circa 3000 Franken pro Operation», bestätigt Stephen Wyler vom Unispital Basel. Die Mehrkosten würden zum Teil durch kürzere Spitalaufenthalte und ein grösseres Patientenvolumen ausgeglichen. Die zusätzlichen Kosten gehen vollumfänglich zu Lasten des Spitals.

Die Kritik an den Robotern kann Arzt Wyler nicht ganz nachvollziehen. «Wir haben in den vergangenen 2.5 Jahren keinen einzigen Zwischenfall vermerkt», sagt Wyler. Auch der Direktor der Thoraxchirurgie in Bern hält das System, das über das Internet mit dem Hersteller verbunden ist und diesem Fehlermeldungen sofort übermittelt, für sicher: «Die Schnitte sind präziser, weil die Kameras die Strukturen im Operationsfeld stark vergrössern und der Roboter das natürliche Zittern der Hand herausfiltert», so Schmid.

«Die Roboterchirurgie ist die Zukunft. Die Preise werden dereinst sinken und sie wird zum Standard bei bestimmten Operationen werden», zeigt sich Stephen Wyler überzeugt. Die Patientenschützerin, die bisher noch von keinen negativen Erfahrungen im Zusammenhang mit dem «Da Vinci» System erfahren hat, empfiehlt Patienten, sich vor allem über die Erfahrung des behandelnden Arztes im Umgang mit dem Roboter zu informieren. «Man sollte dem Arzt sagen: Ich will die Methode, die Sie am besten beherrschen.»

Deine Meinung zählt