SorgenbarometerSchweizer sind so stolz auf ihr Land wie nie zuvor
Der Nationalstolz in der Schweiz ist laut dem Sorgenbarometer der Credit Suisse stark gewachsen. Experten sehen darin eine Folge europäischer Krisen.

Satte 94 Prozent der Stimmbürger bezeichnen sich als stolz oder sogar sehr stolz darauf, Schweizer zu sein.
Keystone/Steffen SchmidtDer Patriotismus erlebt bei den Schweizern einen starken Aufschwung. Satte 94 Prozent der Stimmbürger bezeichnen sich als stolz oder sogar sehr stolz darauf, Schweizer zu sein. Das sind fast 20 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Aus der neuen Sorgenbarometer-Umfrage der Credit Suisse geht sogar hervor, dass insbesondere bei politisch links eingestellten Personen der Nationalstolz deutlich angestiegen ist.
Dazu passt, dass 96 Prozent der Befragten die Neutralität loben. Auch die Bundesverfassung, die Volksrechte, die Unabhängigkeit und der Föderalismus erfüllen sie mit Stolz. Dasselbe gilt für die Uhrenindustrie oder den internationalen Qualitäts-Ruf.
«Das Image der EU hat gelitten»
Experten deuten den patriotischen Aufschwung als Folge der Krisen. «Das Image der EU hat in den letzten Jahren gelitten», sagt Lukas Golder, Politologe beim Meinungsforschungsinstitut GFS Bern. Die Euro-Krise, die Probleme mit dem Schengen-Dublin-System und die Flüchtlingskrise hätten den Schweizern gezeigt, dass vieles ausserhalb ihres Landes schief laufe. «Um sich sicher zu fühlen, zählen sie deshalb umso mehr auf ihre politischen Institutionen.»
Soziologin Katja Rost sieht ebenfalls die Flüchtlingskatastrophe als wichtigen Grund für den gesteigerten Nationalstolz. «Die Schweizer sehen, wie gut es ihnen geht.» Ähnliches sagt Golder: «Die Leute fühlen sich durch die Migration in dem, was die Schweiz einmalig macht, gefährdet.»
Schweiz trotze allen Krisen
Laut den Experten haben ausserdem Terror und Umweltkatastrophen den Nationalstolz beeinflusst. Rost weist darauf hin, dass die Schweizer wegen der Globalisierung direkt mit Negativmeldungen aus dem Ausland konfrontiert werden. «Das führt zu Ängsten und zu einer stärkeren Orientierung nach innen.» Golder stellt fest, dass die Terroranschläge etwa in England oder Frankreich die Schweizer Neutralität als beste Lösung bestätigt.
Im Patriotismus sieht Golder zudem eine Reaktion auf die prophezeiten Krisen. Lange sei man davon ausgegangen, dass die Eurokrise und die Frankenstärke die Schweiz eines Tages brutal treffen werde. «Dem Land ist es aber gelungen, allen Krisen zu trotzen. Das ist für die Bürger vertrauensstiftend.»
Laut Rost ist den Schweizern bewusst, dass sie von vielen Problemen verschont geblieben sind. «Alles, was in Europa schief gelaufen ist, gibt den Schweizern quasi das Recht, sich auf die Schulter zu klopfen.»
Egoismus bereitet Sorgen
71 Prozent der Befragten für das Sorgenbarometer haben den Eindruck, dass der Egoismus die Schweizer Identität zunehmend gefährdet. Laut Katja Rost verfallen die solidarischen Strukturen in der Schweiz immer mehr. Kollektivstrukturen wie Vereine seien vom Aussterben bedroht und das traditionelle Familienmodell werde infrage gestellt. «Den Menschen fehlen die Auffangnetze.»
Lukas Golder sieht die Sorge vor dem zunehmenden Egoismus als Reaktion auf die politische Lage. Die Schweiz stehe mit der Frankenstärke, der Masseneinwanderung, der Migration und der Arbeitslosigkeit vor grossen Herausforderungen. «Die Schweizer haben gemerkt, dass sie näher zusammenstehen und einen Gemeinsinn entwickeln müssen, um diese Probleme zu meistern.»