EntwicklungshilfeSollen wir Afrika sich selbst überlassen?
Afrika ist selbst schuld an seiner Armut, sagt «Weltwoche»-Chef Roger Köppel – und fordert ein Ende der Entwicklungshilfe. Bund und Experten widersprechen.

Eine Mutter und ihr Kind auf einem Markt in Südsudan. Die Frage, wer an der Armut Afrikas Schuld trägt, ist heiss umstritten - und damit auch die Frage, ob Entwicklungshilfe überhaupt etwas nützt.
Für «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel offenbart das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa vor allem eines: das totale Scheitern der Entwicklungshilfe. Wie er in einem Artikel darlegt, hätten die rund 1000 Milliarden Franken, welche die Industriestaaten bisher nach Afrika gepumpt haben, nichts genutzt. Als die europäischen Kolonialherren um 1960 abzogen, hätten sie blühende Staaten hinterlassen, behauptet er – korrupte Führer hätten die Länder dann ausgeplündert.
Köppels Fazit: Die Entwicklungshilfe dürfe nun nicht aus einem schlechten Gewissen heraus erhöht werden, wie das Linke und Kirchenvertreter fordern – im Gegenteil. Auch Buchautor René Zeyer fordert, die Entwicklungshilfe sei sofort und ersatzlos einzustellen, weil sie die Armut nur verschlimmere – und damit letztlich die Flüchtlingsproblematik verschärfe.
«Westliche Wirtschaftspolitik ist schuld»
Peter Niggli von Alliance Sud, der Dachorganisation von sechs grossen Schweizer Hilfswerken, widerspricht vehement. Die Europäer hätten keine blühenden Landschaften hinterlassen, sondern Staaten mit willkürlich gezogenen Grenzen und zusammengewürfelten Ethnien – etwa Sklavenjägervölker mit ihren einstigen Gejagten. «Wenn sogar ein reiches Land wie Belgien seine ethnischen Probleme kaum bewältigen kann – wie soll das dem bettelarmen Kongo gelingen?»
Gemäss Niggli hat nicht die Entwicklungshilfe, sondern die Wirtschaftspolitik des Westens den Schwarzen Kontinent zurückgeworfen: «Der Westen drängte darauf, dass die afrikanischen Staaten Zölle für Importe abbauten – und überschwemmte dann die afrikanischen Märkte mit subventionierten Landwirtschaftsprodukten aus den USA oder der EU, gegen welche die einheimischen Produzenten keine Chance haben.»
EDA spricht von grossen Erfolgen
Der frühere UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, spricht in diesem Zusammenhang von einer «totalen Verlogenheit der EU». Die Brüsseler Kommissare ruinierten mit ihrer Dumpingpolitik Afrikas Agrarwirtschaft.
Auch das Aussendepartement EDA nimmt die Entwicklungshilfe in Schutz. Die Entwicklungszusammenarbeit der Schweiz sei Ausdruck der Solidarität und des Eigeninteresses des Landes. Dieses habe ein Interesse daran, dass globale Risiken minimiert werden: «Länder mit einer fragilen Staatlichkeit können zu einem regionalen oder globalen Sicherheitsproblem werden.» Als Beispiel für ein erfolgreiches Engagement führt das EDA die Schwerpunktländer Tansania und Mosambik an: Dort sei die Kindersterblichkeit in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent zurückgegangen.
Hunderte Milliarden flossen aus Afrika ab
Peter Niggli von Alliance Sud wehrt sich zudem gegen die von Köppel ins Feld geführte Vorstellung, die Afrikaner hätten 1000 Milliarden Franken geschenkt bekommen und nichts daraus gemacht. Ein grosser Teil der sogenannten Entwicklungshilfe sei politisch motiviert gewesen: «Franzosen oder Amerikaner stützten mit dem Geld ihnen genehme Regimes, bei der Bevölkerung kamen die Mittel kaum an.»
Noch gravierender ist aus Sicht Nigglis der Umstand, dass zwischen 1980 und 2009 mehr Geld aus Afrika abfloss, als auf den Kontinent gepumpt wurde, wie die Afrikanische Entwicklungsbank errechnet hat. Entwicklungshilfe, Direktinvestitionen oder Geldsendungen von Auswanderern in die Heimat stehen dabei auf der Habenseite. Das reichte aber bei weitem nicht, um den Kapitalexport zu kompensieren: Die Gewinne, die westliche Konzerne in Afrika erzielten und an die Konzernzentralen überwiesen sowie in westlichen Banken gebunkerte Gelder aus Steuerhinterziehung oder Korruption lassen die Bilanz ins Minus kippen. Dem Kontinent entgingen so in 30 Jahren schätzungsweise 600 bis 1400 Milliarden Dollar.
Die Ärmsten können nicht weit flüchten
Für Dieter Ruloff, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Uni Zürich, ist es unsinnig, eine Verbindung zwischen Entwicklungspolitik und Flüchtlingsströmen herzustellen. Viele Migranten flüchteten vor der Gewalt in ihrer Heimat – etwa in Syrien, Somalia oder Eritrea. «Daran kann auch Entwicklungshilfe nichts ändern.» Die Flüchtlinge, die es nach Nordafrika und Europa schaffen, seien sowieso nicht die Ärmsten: «Dafür braucht es mehrere tausend Dollar.» Die Armuts- und Hungerflüchtlinge strandeten vielmehr in Lagern in den Nachbarländern.
Ruloff kritisiert, die Freunde der Entwicklungshilfe hätten sich selber ins Bein geschossen, indem sie nach dem Lampedusa-Drama eine Aufstockung der Mittel gefordert hätten: «Sie stellten damit einen Zusammenhang her, der nun von Köppel und anderen gegen sie verwendet wird.» Seine Bilanz der Entwicklungshilfe fällt gemischt aus: Geld sei teilweise verschleudert worden, aber es gebe auch positive Beispiele wie Botswana. «Gerade die Schweizer Entwicklungshilfe gehört sicher insgesamt eher zu den Erfolgsgeschichten.»

«Grenzen öffnen wäre die Lösung»
Lässt sich mit mehr Entwicklungshilfe die Migration aufhalten?
Stefan Schlegel*: Nein, das zu glauben wäre naiv. Die Entwicklungshilfe hat auf makroökonomischer Ebene kaum einen Einfluss.
Bleibt Europa also nichts anderes übrig, als die Grenzen dichtzumachen?
Nein, im Gegenteil: Es braucht vielmehr liberale Migrationsregeln. Das wäre die beste Entwicklungshilfe. Nicht nur, weil die Ausgewanderten deutlich mehr Geld nach Hause schicken, als an Hilfsgeldern fliesst. Sie dienen auch als Brückenköpfe in der entwickelten Welt und können über die modernen Kommunikationsmedien ihr Wissen nach Afrika zurück transferieren.
Wird Europa nicht überrannt, wenn es seine Schleusen öffnet?
Nein. Auswanderung ist mit hohen finanziellen und emotionalen Kosten verbunden. Das nimmt nur auf sich, wer eine realistische Chance auf einen Job im Norden sieht. Es gibt eine Nachfrage nach Menschen, die prekäre, schlecht bezahlte Arbeit leisten aber kein Politiker gibt das zu: Sie halten lieber an der Lebenslüge fest, dass wir nur gut qualifiziertes Personal brauchen können.
Stefan Schlegel ist Programmleiter Migration des aussenpolitischen Thinktanks foraus. (hhs)