Kampf dem ÜbergewichtStaat soll Schülern Pausenäpfel bezahlen
Mit einer Obst-Offensive an Schulen will Christian Lohr (CVP) Übergewicht bei Kindern bekämpfen. Die SVP wittert einen staatlichen Umerziehungsversuch.
Der Pausenapfel wird in der Schweiz immer unbeliebter. Laut Bundesamt für Gesundheit hat der Früchtekonsum pro Kopf in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Im aktuellsten Ernährungsbericht von 2012 heisst es: «Der rückläufige Trend beim Verbrauch von Früchten setzt sich weiter fort und verstärkt sich noch.» Insbesondere traditionelle Früchtesorten wie Äpfel, Birnen und Trauben haben demnach an Beliebtheit eingebüsst.
CVP-Gesundheitspolitiker Christian Lohr will das ändern: In einer Motion fordert er den Bundesrat dazu auf, ein landesweites Schulobst-Programm nach dem Vorbild der EU einzuführen. Mindestens dreimal pro Woche sollen die Schüler in den Pausen kostenlos Früchte aus regionaler Produktion bekommen. «Ziel ist, Kinder an eine gesunde Ernährung zu gewöhnen.» Dies sei ein Beitrag zur Prävention von Übergewicht und anderen ernährungsbedingten Erkrankungen.
«Staatliche Umerziehungsmassnahme»
Das Pausenobst soll laut Lohr auch in den Unterricht integriert werden. «Die Lehrer müssen den Kindern beibringen, welche Früchte gerade Saison haben und welche Vitamine darin enthalten sind.» Die EU hat bereits 2009 ein solches Programm in Kraft gesetzt. Aufgrund positiver Erfahrungen wurde das Budget per dieses Jahr gar aufgestockt – von 90 Millionen auf 150 Millionen Euro.
Wie viel die Bereitstellung von Gratis-Obst in der Schweiz kosten würde, ist unklar. Für SVP-Nationalrat Sebastian Frehner wäre jedoch jeder Franken, der in das Projekt investiert würde, zu viel: «Wir brauchen keine staatlichen Umerziehungsmassnahmen! Die Ernährung der Kinder ist Sache der Eltern.» Die Verbotskultur in den Schulzimmern sei ihm schon lang ein Dorn im Auge. «Diese Moralapostel verbieten Cola und Milchschnitte, dafür soll der Staat nun Gratis-Äpfel finanzieren – so zwingt man freien Bürgern eine Lebensweise auf, die sie nicht selbst gewählt haben.»
Ernährungsstrategie gefordert
Yvonne Gilli, Nationalrätin (Grüne) und Ärztin, widerspricht. «Wenn man weiss, dass nicht nur Übergewicht, sondern auch viele Krebsarten durch die richtige Ernährung verhindert werden könnten, braucht es entsprechende Massnahmen.» Ein Schulobst-Programm könne ein Mosaikstein sein, um die Ernährungsgewohnheiten der Schweizer zu verbessern. «Ich bin der Meinung, dass wir darüber hinaus ein ganzheitliches Ernährungskonzept brauchen, das schon im Säuglingsalter ansetzt.»
Dass gewisse Politiker solche Strategien als Umerziehungsversuch empfinden, ist Gilli egal. «Die rechte Ratshälfte bezeichnet all das als bevormundend, was ihr nicht passt. In anderen Bereichen verlangt sie selber eine Gesetzesverschärfung nach der nächsten.»
«War früher Tradition»
Von einer Bevormundung der Bürger will auch Motionär Lohr nichts wissen. Es gehe darum, in Abstimmung mit den Kantonen ein Angebot zu schaffen, von dem die Schüler auf freiwilliger Basis profitieren können. Beim Präsidenten des Schweizer Lehrerverbands, Beat W. Zemp, rennt Lohr damit offene Türen ein: «Es war früher in vielen Schulhäusern Tradition, den Schülern Äpfel zu verteilen – ich würde es begrüssen, wenn wir daran anknüpfen könnten, ohne in die kantonale Schulhoheit einzugreifen.»
Massnahmen zur Förderung einer ausgewogenen Ernährung seien heute wichtiger denn je. Auch im Lehrplan 21 sei die Ernährung ein wichtiges Thema. «Es nützt sicher mehr, den Schülern Obst schmackhaft zu machen, als Schokolade zu verbieten. Die Lehrpersonen können ja sowieso nicht kontrollieren, was jeder Schüler zum Znüni isst.»