MagenbypassStatt Diät – Dicke legen sich unters Messer
Bypass oder Schlauchmagen: Operationen gegen Adipositas boomen. Umstritten sind die Eingriffe bei Minderjährigen.

Die Zahl der Eingriffe bei Übergewichtigen steigt stetig an.
Murat (18) wiegt 150 Kilo bei einer Grösse von 1,74 Metern. Wegen seines Übergewichts findet er keine Freundin, wie er 20 Minuten kürzlich erzählte. Der Artikel wurde rege kommentiert – einige Leser rieten ihm zu einer Operation.
Tatsächlich setzen in der Schweiz immer mehr Übergewichtige im Kampf gegen die Pfunde auf den Chirurgen: Von 2011 bis 2014 hat sich die Zahl der Operationen gegen Adipositas von 2300 auf 4153 beinahe verdoppelt, wie die Statistik der Ärztevereinigung Swiss Society for the Study of Morbid Obesity and Metabolic Disorders (Smob) zeigt. Die Patienten – mehrheitlich Frauen – entscheiden sich in rund 80 Prozent der Fälle für einen Magenbypass.
Operationen gegen Adipositas in der Schweiz
Quelle: Smob
Operation als letzter Ausweg
Laut Felix Bauknecht, Smob-Sekretär und Oberarzt am Kantonsspital Glarus, hat die Zahl der stark übergewichtigen Menschen in der Schweiz zugenommen, «damit steigt die Nachfrage nach operativen Eingriffen». Vor vier Jahren haben zudem die Krankenkassen die Bedingungen für eine Übernahme der Kosten gelockert. Voraussetzungen sind seither ein BMI von über 35 und eine nachgewiesene «Diätkarriere».
Gemäss Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung, ist eine Operation für viele der letzte Ausweg, um dauerhaft Gewicht zu verlieren – das Konzept «Friss die Hälfte» funktioniere wegen des Jo-Jo-Effekts in der Praxis kaum: «In 90 Prozent der Fälle scheitern die Abspeckversuche. Eine Operation kann ein Hilfsmittel sein, um das Problem in den Griff zu bekommen.»
Minderjährige auf dem OP-Tisch
Der Trend macht auch vor Minderjährigen nicht halt: Die «SonntagsZeitung» berichtete vom Fall eines Buben, der bereits als 12-Jähriger 160 Kilo auf die Waage brachte und heute mit einem Magenbypass lebt. Martin Sykora, Leiter des Adipositas-Zentrums Zentralschweiz, schätzt, dass sich schweizweit jährlich rund 10 bis 15 Jugendliche einer Operation unterziehen – Tendenz steigend. In Luzern wurden in den letzten zwei Jahren neun junge Patienten operiert. Operationen bei unter 15-Jährigen seien eine extreme Ausnahmen, sagt Sykora.
«In anderen Ländern – etwa in den USA – ist man schon viel weiter», sagt Sykora. Mit Operationen könnten Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Krebs vermieden werden. Zudem gebe es psychologische Gründe: «In der Jugendzeit werden wichtige Weichen gestellt, sei es in der Berufswelt oder in der Partnerschaft.» Getraue sich beispielsweise ein 16-Jähriger wegen des Übergewichts nicht mehr in die Schule, könne dies Karrieren verhindern.
Kritik an Boom
Die Operationen sind allerdings umstritten: Andreas Bächlin vom Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugendalter warnt vor den Risiken des schweren Eingriffs. Er kritisiert, dass auch bei den Erwachsenen zu schnell operiert werde, ohne dass die seelischen Ursachen des Übergewichts genügend berücksichtigt würden: «Ein Magenbypass führt zu einer starken Gewichtsabnahme, ohne dass die Patienten deswegen zwingend glücklicher sind. Vor- und Nachbetreuung sind leider oft ungenügend.» Viele Übergewichtige seien in einer psychisch schlechten Verfassung und seien sich nicht genügend bewusst, was ein so schwerer Eingriff bedeutet.
Laut Smob-Sekretär Bauknecht wird in der Evaluation vor einer Operation auch die psychische Situation des Patienten sehr genau beurteilt, meistens in Zusammenarbeit mit einem Psychiater oder Psychologen. Wichtig sei ausserdem, dass nicht sofort operiert werde und die Patienten genügend Bedenkzeit hätten. Bei Minderjährigen seien Eingriffe extrem selten. «Derzeit werden in Zusammenarbeit mit den Kinderärzten Richtlinien erarbeitet, in welchen Fällen eine Operation angebracht ist.»
Die häufigste Operation gegen Übergewicht ist heute der , bei dem der Magen in zwei Teil geteilt und umgangen wird. So wird nicht nur die Essensmenge eingeschränkt, sondern auch die Aufnahme gewisser Vitamine und Nährstoffe. Dies muss durch die lebenslange Einnahme von Präparaten kompensiert werden. Die reichen laut der Adipositas-Stiftung von Infektionen und Wundheilungsstörungen über undichte Stellen bei den Nähten bis zur Lungen-Embolie. Im Kommen ist der sogenannte (Sleeve), wo der Magen operativ verkleinert wird. Das , das den Durchlass in den Magen verkleinert, wird dagegen kaum mehr eingesetzt, da es häufiger zu Komplikationen führte. Selten ist der radikale Eingriff .