Stirbt die klassische Berufslehre aus?

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Bildungs-TrendStirbt die klassische Berufslehre aus?

Bald haben die meisten einen Abschluss aus dem tertiären Sektor. Für die Abgehängten brauche es mehr Geld, fordern Politiker.

Stefan Ehrbar
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Stefan Ehrbar
Nur mit einer Berufslehre ist es nicht mehr getan: Bis im Jahr 2045 werden in der Schweiz 60 Prozent einen Abschluss aus der tertiären Stufe haben, wie es im Bildungsbericht 2018 heisst.
Zum tertiären Sektor gehören Abschlüsse der ETH, von Universitäten und Fachhochschulen – aber auch Berufsprüfungen oder Abschlüsse von höheren Fachschulen.
Der tertiäre Sektor steht damit nicht nur Maturanden offen, sondern auch Personen mit einer Berufslehre. Sie können etwa an einer höheren Fachschule eine Weiterbildung absolvieren.
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Nur mit einer Berufslehre ist es nicht mehr getan: Bis im Jahr 2045 werden in der Schweiz 60 Prozent einen Abschluss aus der tertiären Stufe haben, wie es im Bildungsbericht 2018 heisst.

Keystone/Ennio Leanza

Wer nach der Sekundarstufe die Schule verlässt, eine Lehre macht und danach durcharbeitet, gehört bald zu einer Minderheit: Bis 2045 werden rund 60 Prozent der Bevölkerung einen Abschluss auf Tertiärstufe haben, also ein Diplom der ETH, einer Universität, höheren Fachschule, Fachhochschule oder eine Berufsprüfung. Das ist dem Bildungsbericht 2018 der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) zu entnehmen. Diese Entwicklung liege an zusätzlichen Ausbildungen der hier lebenden Personen, nicht an der Einwanderung, heisst es im Bericht.

Stirbt damit die klassische Berufslehre aus – oder wird sie zum Abstellgleis? «Der technologische Wandel führt zu einer Zunahme der Nachfrage nach höher gebildeten Arbeitskräften», heisst es im Bericht. «Eine Lehre allein reicht heute nicht mehr», sagt Bildungsforscher Stefan Wolter, der den Bericht verfasst hat (siehe Interview).

«Ausbildung für Berufe, die es nicht mehr gibt»

Der FDP-Nationalrat Fathi Derder teilt die Sorgen um die Berufslehre. «Die Berufsbildung muss sich ändern», sagt er. Sie sei unverzichtbar für die Schweiz, aber: «Heute stellen wir fest, dass die Fähigkeiten, die in Lehren gelehrt werden, nicht auf dem Stand der Technik sind.»

Unternehmen beschwerten sich etwa darüber, dass Hochbauzeichner zu wenig IT-Kenntnisse haben oder dass Schweisser nicht programmieren können. Deshalb müssten die Lehrlings-Ausbildungen reformiert und häufiger aktualisiert werden, sagt Derder. Die zuständigen Verbände seien in der Pflicht.

Ausbildungen für die Lethargischen

SP-Nationalrat Matthias Aebischer sieht schon seit längerem Handlungsbedarf. «Der technologische Wandel führt dazu, dass man nicht einfach eine Lehre abschliesst und basta. Man muss sich heute stetig weiterbilden, Kurse absolvieren oder ein zusätzliches Diplom machen.»

Es gebe aber passivere, lethargische Menschen, die sich nicht gross um Weiterbildungen bemühten. «Es braucht Programme, die diese Leute suchen und weiterbilden», sagt Aebischer. «Es gibt etwa Leute, die kein Mail schreiben können. Auf sie muss man zugehen und sie weiterbilden.» Mit dem neuen Weiterbildungsgesetz, das seit dem 1. Januar 2017 in Kraft ist, gebe es die rechtlichen Grundlagen dafür. «Es steht aber zu wenig Geld zur Verfügung. Wir müssen mehr investieren, um die Leute bei der Arbeit zu halten», sagt Aebischer.

«Man muss sich weiterentwickeln»

Am dualen Bildungssystem wolle er gar nichts ändern. Die Maturitätsquote müsse stabil bleiben. «Die Berufslehre hat einen Top-Ruf in der Schweiz», sagt Aebischer. Noch steigerungsfähig sei die Begeisterung für die Berufslehre bei den Ausländerinnen und Ausländern, die das Berufsbildungssystem zum Teil kaum kennen. «Sie müssen wir besser aufklären», sagt Aebischer. Klar sei, dass die Weiterbildung heute einen zentralen Aspekt darstelle. «Der technologische Wandel führt dazu, dass man nicht einfach eine Lehre abschliesst, sondern sich nachher weiterbildet.»

Mit einer Berufslehre stünden dazu viele Möglichkeiten zur Verfügung – etwa Meisterkurse oder höhere Fachschulen. Diese Ausbildungen gehören ebenfalls zum tertiären Sektor. Den Anstieg der Tertiärquote begrüsst Aebischer deshalb: «Ich will ein möglichst hohes Bildungsniveau. Je mehr Leute sich im tertiären Sektor ausbilden lassen, desto besser.» Grundsätzlich liege das an jedem Einzelnen, sagt Aebischer: «Man sollte sich jedes Jahr fragen, wie man sich weiterentwickeln kann.»

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