Teenager besonders gefährdetSucht Schweiz warnt vor Online-Glücksspielen
Suchtexperten warnen vor den Gefahren von Online-Glücksspielen. Besonders Junge seien gefährdet, ein Suchtverhalten zu entwickeln.
Den ganzen Dokumentarfilm, in dem drei ehemalige Spielsüchtige über ihre Erfahrungen berichten, finden Sie auf www.sos-spielsucht.ch. Video: Sucht Schweiz
Auf dem Höhepunkt seiner Glücksspielkarriere platzierte André* (36) im Internet auf beliebige Sportergebnisse tausend Franken – und dann, nachdem er mit seinem Tipp falsch lag, gleich nochmals, dutzende Einsätze pro Tag.
Weil die Verluste stets grösser waren als die Gewinne und sich die Schulden auf eine Viertelmillion Franken auftürmten, musste neues Geld her: Um weiterzuspielen, räumte André die Konten seiner Kinder und jenes seiner Frau leer, leihte sich Geld bei Freunden und wechselte zwischen drei Kreditkarten. Die Betreibungen und Mahnungen fischte er aus dem Briefkasten, in der Hoffnung, seine Sucht kaschieren zu können.
25 Prozent der Jungen spielten letztes Jahr Glücksspiele
Anhand des Schicksals von André, der als Teenager in die Spielsucht abgerutscht war, will die Organisation Sucht Schweiz in einem Dokumentarfilm auf die Gefahren des Glücksspiels hinweisen. Insbesondere Junge sind laut den Experten betroffen: Rund 25 Prozent der 15 bis 19-Jährigen spielten im vergangenen Jahr Glücksspiele. Im Vergleich mit anderen Altersgruppen entwickeln dabei doppelt so viele ein problematisches Spielverhalten.
Franz Eidenbenz, Psychologe und Leiter der Behandlung des Zentrums für Spielsucht, Radix, trifft zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene an, die Probleme mit Glücksspielen haben. Diese Tendenz erklärt er mit der grösseren Nähe von Computer- und Glücksspielen: «Bei vielen Online-Spielen ist es gängig, dass man sich zusätzliche Gadgets erkaufen kann.» Das führe dazu, dass die Hemmschwelle, auch mal online Poker zu spielen oder auf eine Sportwette zu setzen, abnehme.
«Online fehlt die soziale Kontrolle»
«Am Anfang einer Sucht steht meist ein grosser Gewinn», sagt Eidenbenz. Erspiele ein junger Erwachsener mit einem Lehrlingslohn online auf einen Schlag ein paar tausend Franken, sei die Gefahr gross, dass er die Kontrolle über den Konsum verliere.
«In Online-Geldspielen nimmt man nie wirkliches Geld in die Hand und verliert deshalb den realen Wert aus den Augen. Da man alleine spielt, fehlt es auch an sozialer Kontrolle», stellt Silvia Steiner, Leiterin Prävention bei Sucht Schweiz, fest. Sie sieht die Problematik zusätzlich darin, dass auf dem Handy jederzeit eine Möglichkeit zum Spiel griffbereit ist.
«Im Internet würden die gleichen Regeln gelten»
Heute dürfen Schweizer Casinos keine Online-Spiele anbieten. Laut Suchtfachleuten weichen die Schweizer Spieler darum auf ausländische Angebote aus. Mit dem neuen Geldspielgesetz, das derzeit vom Parlament behandelt wird, soll das Verbot aufgehoben werden. Jedoch dürften nur Schweizer Casinos entsprechende Online-Angebote anbieten – diese Bestimmung ist umstritten.
Marc Friedrich vom Casinoverband betont, dass im Internet die gleichen Regeln wie im herkömmlichen Casino gelten würden. «Auch online müssten die Spieler sich mit ihrer Identitätskarte registrieren, gesperrte Spieler erhalten keinen Zugang.»
Friedrich ist überzeugt, dass mit den neuen Angeboten der Schweizer Casinos im Internet der Spielerschutz «gar noch verbessert werden kann»: «Online kann genau erfasst werden, wer wie oft spielt und wie hoch seine Einsätze sind.» Aufgrund dieser Daten könne der Casino-Betreiber einschreiten, wenn jemand ein auffälliges Spielverhalten zeige.
«Feigenblatt für die Interessen der Casino-Branche»
Simon Planzer, Experte für Glücksspiel-Regulierung und Anwalt verschiedener europäischer Online-Anbieter, begrüsst einen starken Spielerschutz. Er wehrt sich aber dagegen, dass dieser als «Feigenblatt für die Interessen der Casinobranche» missbraucht wird. «Wer gibt den Casinos das Recht, den Schweizer Online-Spielern vorzuschreiben, dass sie per sofort nur noch bei ihnen spielen dürfen?»
Planzer pflichtet bei, dass jugendliche Spieler öfter von Spielproblemen betroffen sind, «genauso wie bei anderen Suchtformen auch». Er warnt aber davor, die Jungen «zu bevormunden», indem sie nur noch bei Schweizer Anbietern spielen dürften.
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