Swiss-Crew bettelt bei Passagieren um Trinkgeld

Aktualisiert

Tiefe LöhneSwiss-Crew bettelt bei Passagieren um Trinkgeld

Das Kabinenpersonal eines Swiss-Flugs forderte die Passagiere auf, Trinkgeld zu geben. Damit wollte die Crew auf den Lohndruck aufmerksam machen.

B. Zanni
von
B. Zanni
Eine Flugbegleiterin bedient die Passagiere der Economy-Class in einem Flugzeug der Swiss.

Eine Flugbegleiterin bedient die Passagiere der Economy-Class in einem Flugzeug der Swiss.

Nach der Landung des Swiss-Flugs von Malaga nach Zürich staunten die Flugpassagiere letzten Mittwoch nicht schlecht, als sie das Flugzeug verliessen. «Trinkgeld willkommen, wenn Ihnen der Flug gefallen hat», stand auf einem Kässeli beim Ausgang der Swiss-Maschine. Aufgestellt wurde es vom Maître de Cabine Marvin S.*, der zuvor per Ansage auf die Aktion aufmerksam gemacht hatte.

«Heute habe ich einen mutigen Tabubruch begangen», berichtet Marvin S. kurz darauf den 1160 Mitgliedern der Facebook-Gruppe QVK (Quo vadis Kapers?), in der sich das Kabinenpersonal austauscht. Die Facebook-Gruppe wurde Anfang 2012 von Flugbegleitern gegründet, weil die Swiss die Flugbegleiter zu Weihnachten statt mit einer Gratifikation bloss mit einem Käse-Holzbrettchen belohnt hatte.

33 Franken kassiert

Die 108 mehrheitlich jungen Passagiere im Flugzeug hätten 33 Franken Trinkgeld in die Kasse geworfen, schreibt Marvin S. im Facebook-Post weiter. Mit der Trinkgeld-Aktion wollte der Flugbegleiter auf den enormen Lohndruck beim Flugpersonal aufmerksam machen. «Die Tarife zerfallen und das müssen wir alle gemeinsam als Mitarbeiter im eigenen Geldbeutel verkraften», schreibt er. Nun sei es an der Zeit, umzudenken und neue Einnahmequellen zu generieren.

Auch wenn die Crew das Geld am Ende nicht in die eigene Tasche steckte, sondern einer gemeinnützigen Organisation spendete, stösst die Aktion bei den Facebook-Usern auf wenig Verständnis. «Je länger ich mir das überlege, desto mehr komme ich zum Schluss, dass man so dumm nicht sein kann. Du verarschst uns, oder?», schreibt eines der Mitglieder. Ein anderes meint: «Dumm, dümmer, saudumm! Nicht jammern, wenn in Kürze wieder jemand freigestellt ist.»

Swiss nicht erfreut

Auch die Fluggesellschaft Swiss zeigt sich wenig erfreut. Auf Anfrage von 20 Minuten bestätigt sie den Vorfall. «Dieses Vorgehen entspricht nicht unseren Vorstellungen von Qualität und Kundenservice», sagt Swiss-Sprecherin Karin Müller. Die Angelegenheit werde nun intern abgeklärt. Ob Marvin S. nun mit einer Kündigung rechnen muss, wollte Müller nicht kommentieren.

Deutliche Worte findet Denny Manimanakis, Präsident der Gewerkschaft des Kabinenpersonals (Kapers). Die Trinkgeld-Aktion bezeichnet er als «äusserst gefährlich». Er rechne damit, dass die Swiss, die bei Regelverstössen normalerweise sehr strikt durchgreife, disziplinarische Massnahmen ergreifen werde. Obwohl er das Anliegen der Kabinenmitglieder nach höheren Gehältern verstehen könne, habe die Crew über das Ziel hinausgeschossen. Laut Manimanakis beträgt der Anfangslohn eines Flugbegleiters rund 3300 Franken. «Die Swiss sollte sich Gedanken machen, wie sie ihre Mitarbeiter länger behalten kann. Der Lohn und die Arbeitsbedingungen sind die Hauptgründe für die hohe Fluktuation», sagt Manimanakis.

«Kündigung wäre übertrieben»

Auch Henning Hoffmann, Geschäftsführer des Pilotenverbands Aeropers, sagt: «Grundsätzlich halte ich den Arbeitsplatz nicht für den besten Ort, um tarifpolitische Signale zu senden.»

Seiner Ansicht nach wäre es besser gewesen, wenn sich der Maître de Cabine statt an die Passagiere direkt an den Arbeitgeber oder einen Berufsverband gewandt hätte. Dennoch habe er Verständnis, sagt Hoffmann. Wegen der Aktion eine Kündigung auszusprechen, hält er für übertrieben.

Marvin S. selbst wollte sich gegenüber 20 Minuten nicht zum Vorfall äussern.

*Name geändert

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