Wählen Männer wegen starken Frauen rechts?

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Zu viel FeminismusWählen Männer wegen starken Frauen rechts?

Da Männer sich durch den Feminismus unterdrückt fühlen, würden sie vermehrt rechts wählen, sagt ein Basler Soziologe. Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache.

Nicole Glaus
von
Nicole Glaus
Die SVP - im Bild Parteipräsident Toni Brunner - profitiere davon, dass junge Männer genug vom Feminismus hätten, sagt der Soziologe Walter Hollstein. Dem widersprechen jedoch die Fakten.

Die SVP - im Bild Parteipräsident Toni Brunner - profitiere davon, dass junge Männer genug vom Feminismus hätten, sagt der Soziologe Walter Hollstein. Dem widersprechen jedoch die Fakten.

Junge Männer wandern laut Soziologe Walter Hollstein politisch zunehmend nach rechts. Dies, weil sie unter dem Feminismus litten und die linken Parteien sich seit langem für frauenpolitische Anliegen stark machen: «Die bestehende Männerkrise nehmen sie nicht zur Kenntnis», schreibt Hollstein in der «Basler Zeitung». Er weist dabei auf die höhere Suizidrate bei jungen Männern oder die grössere Arbeitslosigkeit im Vergleich zu den Frauen hin. Die Lage junge Männer sei immer schwieriger geworden. «Sie fühlen sich nur zu Recht als Opfer eines gewandelten Zeitgeistes», so Hollstein. In den letzten 12 Jahren seien deshalb 20 Prozent der jungen Männer nach rechts gerutscht.

Politgeograf Michael Hermann widerspricht: «Es gibt keine statistischen Zahlen, die belegen, dass junge Männer heute tendenziell rechter wählen als Ende der 90er-Jahre.» Die Selects-Studie nach den Parlamentswahlen 2011 zeigt, dass der Wähleranteil der SP sowohl bei den Männern wie auch bei den Frauen gleichermassen abgenommen hat. Im Vergleich zu den Wahlen im Jahr 2003 ist der Männeranteil bei der SVP nicht gestiegen.

Für den höheren Männeranteil auf rechter Seite sieht Hermann andere Gründe als den angeblichen Anti-Feminismus: «Grundsätzlich kommen die rechtskonservativen Positionen der SVP bei Männern etwas häufiger vor.» Demgegenüber seien die Werthaltungen der Frauen im Schnitt etwas linker.

«Feminismus macht die Politik für junge Männer attraktiv»

Auch Hollsteins Soziologie-Kollege Ueli Mäder ist der Meinung, dass sich offene junge Männer nicht durch den Feminismus abschrecken lassen: «Im Gegenteil, das macht die Politik für die Bevölkerungsgruppe attraktiver.» Denn der Feminismus belebe die Parteienlandschaft und würde für angeregte, interessante Diskussionen sorgen. «Bei den linken Parteien geht es sehr stark um soziale Anliegen. Diese Themen betreffen sowohl Männer als auch Frauen.» Der soziale Ausgleich zwischen den Geschlechtern sei auch für den Mann von Interesse, betont der Basler Professor.

Das Abdriften von links nach rechts sei - wenn überhaupt - damit zu begründen, dass rechtspopulistische Strömungen besonders verunsicherten Leuten Halt geben könnten, so Mäder. «Diese Politik ist eher ruhe- und ordnungsorientiert, was ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermittelt.» Hingegen seien aus Sicht einiger Stimmenden die Linken teils zu wenig basisnah, lebendig und kämpferisch.

«Die Frage des Geschlechtes spielt heute nicht mehr die Rolle wie vor 20 Jahren»

Bis jetzt sei von einer Abwanderung der jungen, männlichen Wählerschaft nichts zu spüren, sagt auch SP-Sprecher Michael Sorg: «Das beste Beispiel ist die Juso. Dort ist zum dritten Mal in Folge der Präsident ein junger Mann.» Zudem würde die SP bei nationalen und auch kantonalen Wahlen seit Jahrzehnten darauf Wert legen, dass die Kandidatenlisten in Bezug auf das Geschlecht ausgeglichen seien. «Die Frage des Geschlechts spielt heute nicht mehr die Rolle wie noch vor 20 Jahren und das ist auch gut so», so Sorg.

Selbst bei der SVP sind die Verantwortlichen überzeugt, dass ihre Partei bei Männern wie Frauen praktisch gleich viel Rückhalt geniesst: «Wir betreiben keine spezielle Männerförderung», sagt die stellvertretende Generalsekretärin Silvia Bär. Tatsächlich erreichte die Rechtspartei 2011 24 Prozent bei den Wählerinnen und 30 Prozent bei den Wählern. Letztere kämen wegen den politischen Schwerpunkten der Partei zu ihnen, so Bär - und nicht, um vor dem Feminismus zu fliehen.

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