Von Knecht missbraucht, von Bevölkerung gemobbt

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VerdingkinderVon Knecht missbraucht, von Bevölkerung gemobbt

Mit einer Karikatur macht ein Betroffener darauf aufmerksam, dass die Frist für den Solidaritätsbeitrag für Verdingkinder abläuft. Tausende haben sich nicht gemeldet.

J. Büchel
von
J. Büchel
Mit dieser Karikatur soll auf die bald ablaufende Frist aufmerksam gemacht werden.
«Uns wurde grosses Unrecht angetan. Es ist wichtig, dass möglichst viele ihre Formulare einreichen», sagt Heinz Morach (73) aus Wil SG kurz vor Ablauf der Einreichfrist.
Der Bund schätzt die Zahl der noch lebenden Anspruchsberechtigten auf 12'000 bis 15'000: Betroffene diskutieren mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga in Bern. (11. April 2013)
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Mit dieser Karikatur soll auf die bald ablaufende Frist aufmerksam gemacht werden.

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«Uns wurde grosses Unrecht angetan. Es ist wichtig, dass möglichst viele ihre Formulare einreichen», sagt Heinz Morach. Er selber wurde mit acht Jahren in die Erziehungsanstalt Hochsteig in Lichtensteig bei Wattwil SG eingewiesen. «Im Frühling 1953 wurde ich auf dem Schulweg abgefangen und in die Erziehungsanstalt überführt», so der heute 73-Jährige, der in Wil SG wohnt. Es gab keine Verabschiedung von Eltern oder Geschwistern.

Seine Mutter sei an Krebs gestorben, der Vater habe alleine für Morach und die 12 Geschwister sorgen müssen. Die Behörden hätten damals entschieden, dass die Kinder dem Mann enteignet werden.

Dieser zerbrach daran. Er durfte seine Kinder nicht mehr sehen. «Ich hörte ihn einmal, wie er vor den Toren der Erziehungsanstalt polterte und Radau machte, weil er nicht hineingelassen wurde. Er wollte mich sehen, doch das war nicht erlaubt.» Irgendwann sei das zu viel für den Vater gewesen. «Man hat ihn tot aus der Aare gefischt.» Auch zwei seiner Brüder begingen später Suizid. «Einen hat man in der Thur gefunden, ein anderer hat sich erschossen.»

Kinder wurden von Knecht missbraucht

Denn in den Erziehungsanstalten von damals erlebten viele eine unschöne Zeit. «Bei uns gehörte physische und psychische Gewalt zum Alltag», sagt Morach. So wurden beispielsweise Bettnässer gedemütigt und alle Kinder mussten Einheitskleidung tragen, die die Heimkinder für alle sofort identifizierbar machte. Entsprechend seien sie gemobbt worden. «Zur Schule durften wir nur morgens. Am Nachmittag musste auf dem landwirtschaftlichen Betrieb der Anstalt gearbeitet werden.» Dabei wurden einige vom Knecht sexuell missbraucht. «Auch das gehörte leider dazu.»

Opfer leben in Armut

Dadurch, dass die Zöglinge nur morgens in die Schule gingen, waren bei vielen die Leistungen eher dürftig, so dass nicht alle eine Lehre machen konnten. «Ich hatte Glück, mir wurde eine Lehre als Dachdecker zugeteilt – eine freie Berufswahl wurde uns verwehrt – und anschliessend habe ich eine Lehre als Schreiner absolviert», sagt Morach. Doch viele Kinder aus der Erziehungsanstalt hätten keine Lehre machen können oder diese abgebrochen und mussten sich als ungelernte Arbeitskräfte durchschlagen. Morach vermutet deshalb, dass viele Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen finanziell nicht auf Rosen gebettet sind.

Deshalb bat er seinen Freund und Illustrator Heinz Münger, eine Karikatur zu zeichnen, die auf die bald ablaufende Frist aufmerksam macht. «Der Staat hätte sich damals besser um uns kümmern müssen.» Spät, aber immerhin, habe es von der Regierung eine Entschuldigung gegeben. «Darauf wurde der Fonds für den Solidaritätsbeitrag eingerichtet.» Um das Geld geht es Morach nicht. «Die 20'000 bis 25'000 Franken machen ja keinen reich, aber sie können Armut lindern.» Er werde mit dem Geld Ausflüge mit seinen Enkeln und Kindern machen. «Das konnte ich in meiner Kindheit nie.»

Erst 7200 Gesuche

Bislang haben laut Bundesamt für Justiz (BJ) erst 7200 Personen die Gesuchsformulare für den Solidaritätsbeitrag eingereicht. Die Forschung geht von 20'000 noch lebenden Opfern von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aus, der Bund von 12'000 bis 15'000.

Laut dem Fachbereich Fürsorgerische Zwangsmassnahmen (FSZM) des BJ gibt es keine Register oder Datenbank über die Betroffenen. Deshalb konnten diese nicht vom Bund direkt angeschrieben werden und auf das Gesuchsformular für den Solidarbeitrag aufmerksam gemacht werden. Man habe deshalb auf anderen Kanälen versucht, an die Betroffenen zu gelangen. So seien etwa alle Hausärzte, Beistände und Spitexorganisationen mit einem Schreiben informiert und gebeten worden, die betroffenen Personen auf das Gesuchsformular aufmerksam zu machen. Zudem wurden Flyer zum Auflegen produziert und verbreitet.

Hilfe beim Ausfüllen der Formulare

Beim Ausfüllen der Formulare helfen beispielsweise die Staatsarchive der Kantone, wo auch Formulare erhältlich sind. Genauso können die Anlaufstellen der Pro Senectute oder Opferhilfe behilflich sein. Doch die Zeit drängt. Die Frist für die Einreichung des Gesuchs läuft am 31. März ab. Da dieser Tag auf das Osterwochenende fällt, werde man auch noch Gesuche berücksichtigen, die gleich nach Ostern eintreffen, heisst es beim BJ.

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