Rorschacherberg SG«Der Luchs rannte hinter uns her»
Es sind Begegnungen der unheimlichen Art: Ein Luchs lauert Reiterinnen auf und rennt ihnen nach. Fachleute sind erstaunt über das Verhalten des Tieres.
«Uns war ziemlich mulmig zumute», sagt Manuela Nauer aus Heiden AR. Die 23-jährige Malerin ritt zusammen mit einer Kollegin zwischen Grub und Rorschacherberg aus, als plötzlich auf einem Holzhaufen am Wegrand ein Luchs auftauchte. «Er schaute auf uns herab und als wir an ihm vorbeigeritten waren, sprang er herunter und rannte hinter uns her», so Nauer.
Die Reiterinnen hätten das Tempo beschleunigt. Doch der Luchs liess sich nicht abschütteln. Nauer: «Er rannte ebenfalls schneller, bis er nach rund 400 Metern in den Wald abbog.» Das war vor rund drei Wochen. Vergangene Woche begegnete Manuela Nauer dem Raubtier erneut. Der Luchs nahm wiederum die Verfolgung auf, hielt jedoch immer eine Distanz von 30 bis 50 Metern ein. Mit dem Handy gelang es Nauer, den Luchs zu filmen.
Schliesslich ritt Nauer in eine Sackgasse: «Als ich wendete, sah ich den Luchs rund 20 Meter vor mir, doch er machte Platz und ich konnte vorbeireiten.» Für die Malerin waren es unheimliche und schöne Begegnungen zugleich: «Einen Luchs sieht man nicht alle Tage.»
Nicht allein in den Wald
Auch Joyce Weder sagt: «Zurzeit würde ich nicht allein zu Fuss in den Wald gehen.» Die 23-jährige Laborangestellte aus Wolfhalden AR ritt am Mittwoch dieser Woche zusammen mit einer Kollegin durch das Gebiet bei Grub, als sie den Luchs auf einem Holzstapel sah und ablichtete. Wiederum folgte das Raubtier den Reiterinnen. «Der Luchs ist ein wunderschönes Tier», so Weder, «dennoch hat es etwas Beunruhigendes.»
«Ein solches Verhalten ist für einen Luchs sehr ungewöhnlich», sagt Fridolin Zimmermann, Wildbiologe bei der Raubtierfachstelle Kora in Bern. «Wir kennen keinen vergleichbaren Fall.» Bei Kora wird vermutet, dass es sich beim Luchs von Grub um B 459 handelt, ein Jungtier, das letztes Jahr zur Welt gekommen ist. Seine Mutter dürfte B 313 sein, die in der Region um Buchs lebt und ihr Junges wohl in den letzten Wochen verstossen hat. Zum ersten Mal wurde es vor rund fünf Wochen in der Gegend um Grub gesehen.
«Jungtiere sind oft weniger scheu»
Für den zuständigen Wildhüter Mirko Calderara ist das Verhalten des Luchses noch kein Grund zur Beunruhigung: «Es ist nicht untypisch, dass Jungtiere weniger scheu sind», so der Wildhüter. Auch habe das Raubtier keine Anstalten gemacht, Menschen oder Pferde anzugreifen. Zudem sei es möglich, dass der Luchs die Reiterinnen auf den Pferden zunächst gar nicht wahrgenommen hat. «Er ging jeweils weg, wenn sie zu sprechen begannen», so der Wildhüter. Calderara will die Situation weiter beobachten. Er hält es für wahrscheinlich, dass der Luchs mit zunehmender Erfahrung scheuer wird – oder weiterzieht. (20 Minuten)