Olympia-MomenteAls Andersen-Schiess ins Stadion torkelte
Beim Olympia-Marathon 1984 in Los Angeles hielt die Welt den Atem an. Die Schweizerin Gabriela Andersen-Schiess erreichte das Ziel nur mit grosser Mühe.
Der Zieleinlauf von Gabriela Andersen-Schiess beim Olympia-Marathon 1984 in Los Angeles. (Video: YouTube/maylart)
Olympia-Marathon 1984 in Los Angeles. Gabriela Andersen-Schiess läuft ins Stadion ein, den Zuschauern stockt der Atem. Die Schweizerin torkelt auf den letzten paar hundert Meter nur noch vor sich hin. Sie hat den letzten Getränkeposten ausgelassen. Wegen der grossen Hitze kollabiert ihr Körper beinahe. Mit Mühe und Not schafft es Andersen-Schiess als 37. über die Ziellinie. Dann bricht sie zusammen.
20 Minuten Online hat Andersen-Schiess in Amerika aufgestöbert. Sie lebt mit ihrem Mann seit rund 30 Jahren in Sun Valley, Idaho, wo sie ein Resort betreiben.
20 Minuten Online: An Olympia 1984 in Los Angeles gingen ihre Bilder vom Marathon um die Welt. Wie erinnern Sie sich heute daran?
Gabriela Andersen-Schiess: Ich musste durch einen Tunnel ins Stadion. Es waren noch 500 bis 600 Meter auf der Bahn zurückzulegen. Ich dachte, hier gibt es sicher irgendwo Wasser, aber es war keines vorhanden. Dann sagte ich mir, so lange ich laufen kann, komme ich ins Ziel.
Haben Sie alles realisiert? Sie liefen ja wie in Trance.
Mehr oder weniger habe ich alles mitbekommen. Ich hatte von der Hitze aber Krämpfe und wurde gefragt, ob ich aufhören wolle. Ich verneinte und versuchte einfach weiter zu laufen. Hätte ich aufgehört, wäre ich disqualifiziert worden.
Spielten Sie vor 28 Jahren mit ihrem Leben?
Im Moment des Laufens hatte ich keine Ahnung, ob es schlimm war. Aber ich glaube nicht, dass ich mit dem Leben gespielt habe.
Im Ziel brachen Sie zusammen und wurden in die Obhut der Ärzte gegeben. Wie lange dauerte die Erholung?
Beim Überqueren der Ziellinie dachte ich, jetzt ist fertig, jetzt kann ich absitzen. Dann wurde ich in eine kleine medizinische Abteilung in die Stadionkatakomben gebracht. Sie haben meinen ganzen Körper mit Eis gekühlt und ich bekam Flüssigkeit. Nach zwei bis drei Stunden hatte ich mich wieder erholt. Am nächsten Tag ging ich sogar wieder etwas Laufen.
Heute sind Sie 67 Jahre alt. Laufen Sie noch Marathon oder überlassen sie das der jüngeren Generation?
Ich habe vor zehn Jahren mit Laufen aufgehört. Meine Knie bereiteten mir Probleme. Ich musste sie auch schon operieren. Heute gehe ich im Sommer Biken und im Winter betreibe ich Langlauf. Ich habe die Loipe beinahe vor der Haustüre.
Verfolgen Sie die Sportart Marathon noch?
Grosse Events wie den New York-Marathon verfolge ich schon. Olympische Spiele schaue ich am Fernsehen.
Wieviel Schweizer Herz schlägt noch in Ihnen, wenn sie Olympia schauen?
Im Tennis war und bin ich immer für Roger Federer. Da schlägt das Schweizer Herz schon noch. Dieses Jahre verfolgte ich zwischendurch auch die Tour de France mit Fabian Cancellara.
Das Schweizer Marathon-Aushängeschild ist seit Jahren Viktor Röthlin. Kennen Sie ihn?
Ich kenne ihn nur vom Namen her und habe gehört, dass er ein guter Läufer ist. Dass er Europameister ist, habe ich auch mitbekommen.
Dann können Sie wohl kaum sagen, was ihm bei Olympia zuzutrauen ist.
Das kann ich wirklich nicht. Aber ich habe gehört, dass in London das Wetter kühl und nass ist. Und das ist für einen Marathon viel angenehmer als grosse Hitze.