Ist Schläpfer noch ein «Hockey-Gott»?

Aktualisiert

«Time-Out»Ist Schläpfer noch ein «Hockey-Gott»?

Die erste Entscheidung ist gefallen: Der Kampf um den achten Playoff-Platz ist eröffnet. Am Ende werden wir wissen, ob Biels Kevin Schläpfer noch ein «Hockey-Gott» ist.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg
Wie gut sind die Playoff-Chancen von Kevin Schläpfers EHC Biel?

Wie gut sind die Playoff-Chancen von Kevin Schläpfers EHC Biel?

Bereits nach 21 von 50 Runden steht fest: Vier Teams spielen um den 8. und letzten Playoff-Platz. Ambri (8./25 Punkte), Biel (9./24), die SCL Tigers (10./20) und Servette (11./19). Fribourg, Davos, der SCB, Kloten, Zug, Lugano (jetzt mit einem richtigen Trainer) und die ZSC Lions sind für die Playoffs gesetzt. Die Lakers (12./13/38:74) hingegen sind bereits in den Playouts versenkt und dürften nun «gebaselt» werden. Sie beginnen sich an Niederlagen zu gewöhnen. So wie einst der EHC Basel, der in der Saison 2007/08 nur 4 von 50 Qualifikationspartien gewonnen hat. Bleibt Trainer Harry Rogenmoser zu lange im Amt, wartet auf die Lakers im Frühjahr 2012 das gleiche Schicksal wie den Baslern: Der Abstieg. Das Timing beim Trainerwechsel wird entscheidend sein.

Ausländerproblematik in der unteren Tabellenregion

Für Ambri, Biel, die SCL Tigers und Servette beginnt ab sofort die «Brockenstuben-Meisterschaft». Der Sieger darf sich an den Playoffs 2012 beteiligen. Diese vier Teams verbinden viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel haben alle zu wenig Geld für vier gute Ausländer. Zwar gehören einige dieser Ausländer zu den Besten oder doch den Besseren der Liga (Ambris Maxim Noreau und Zdenek Kutlak, Servettes Tony Salmelainen und Langnaus Pascal Pelletier). Aber weil das Geld fehlt, haben halt alle mindestens zwei ausländische Arbeitnehmer günstig in den internationalen «Transfer-Brockenstuben» eingekauft. Es sind «Brockenstuben-Ausländer»: Spieler, die entweder zu wenig gut oder zu alt für die Topteams sind. Oder schwierig zu führen und ihre Verpflichtung ist ein Risiko.

Am extremsten ist die Ausländer-Situation in Biel: Sébastien Bordeleau (36) hat die entscheidenden Stundenkilometer Tempo verloren, Eric Beaudoin (31) ist ein solider «Chrampfer» für den vierten Block, Ahren Spylo (28) eine launische Diva und wie gut Tom Preissing (32) wirklich ist, werden wir erst sehen, wenn er seine Gehirnerschütterung auskuriert hat. Immerhin ist nun ein Ersatz aus Moskau im Anflug: Der Russe Andrej Zyuzin (33). Ein Bieler Hockeyfunktionär, dessen Name mir gerade entfallen ist, sagte kürzlich, wenn er höre, wie Trainer Kevin Schläpfer (42) die Ausländer kritisiere, sei er froh, dass Schläpfer auch Sportchef sei und die Verpflichtung der Ausländer selber zu verantworten habe. «Sonst müsste der Sportchef um seinen Job zittern.» Doch Schläpfer wehrt sich gegenüber 20 Minuten Online gegen diese Vorwürfe: «Wir haben ganz einfach nicht das Geld für bessere Ausländer. Um den Markt zu testen habe ich mich einmal um Petr Sykora bemüht und 400 000 Franken netto geboten. Der Agent hat mich ausgelacht und gesagt, da lohne sich nicht einmal das Verhandeln.»

Auf den Ausländerpositionen ist Biel für die «Brockenstuben-Meisterschaft» also am schlechtesten gerüstet. Bei den SCL Tigers ist die entscheidende Frage, ob Torhüter Robert Esche dazu in der Lage sein wird, konstant sein bestes Hockey zu spielen. Bisher war das nicht der Fall. Und ob Kurtis McLean, Joël Perrault und Pascal Pelletier endlich einmal konstant mehr 60 Prozent ihres Potenzials umsetzen. Ambri und Servette haben theoretisch die besseren Ausländer. Aber in der Praxis nur, wenn alle fit sind.

Alle Teams haben charismatische Schweizer Spieler

Ambri, Biel, die SCL Tigers und Servette haben je einen charismatischen Leitwolf mit Schweizer Pass. Paolo Duca (Ambri), Simon Moser (SCL Tigers), Goran Bezina (Servette) und Martin Steinegger (Biel). Die spielerische Wirkung mag unterschiedlich sein – doch als Leitwölfe hat ihre Präsenz auf dem Eis und in der Kabine einen enormen Einfluss auf das Leistungsvermögen des Teams. Die Verletzungen von Duca und Steinegger könnten am Ende einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Kampfes um Platz 8 haben.

Bei allen vier Teams sind die Trainer unbestritten und haben bis heute bei keinem anderen NLA-Team gearbeitet: Biels Kevin Schläpfer in Biel, Servettes Chris McSorley Ambris Kevin Constantine und Langnaus John Fust. Alle vier sind offiziell (Schläpfer, McSorley) oder inoffiziell (Constantine, Fust) auch Sportchefs und die Entlassungsgefahr ist gering oder gar ausgeschlossen. Alle vier sind im Wesen und Wirken durchaus ähnlich: Charismatische Bandengeneräle mit ruhmreicher Vergangenheit und der Fähigkeit, das Spiel ihrer Teams zu strukturieren. Chris McSorley ist am längsten im Amt (seit 2002), die anderen drei stehen in ihrer zweiten NLA-Saison und nur John Fust hat keine Playout-Erfahrung.

Kadertiefe zu gering

Weil alle vier Teams mit Spielern aus den «Transfer-Brockenstuben» ergänzt oder verstärkt worden sind, fehlt es mal vorne, mal hinten, mal hinten und vorne, und nur an einem ganz besonderen Abend gelingt alles. Die Kadertiefe ist einfach zu gering, um Ausfälle kompensieren zu können, und zu viele Schweizer Spieler sind limitiert und würden bei den Grossen nicht in den ersten zwei Linien spielen. Servettes Chris McSorley ist bei seiner Sparübung die grössten Risiken eingegangen. Seine Mannschaft ist noch immer schnell, sehr gut organisiert und spielt mit einer hohen taktischen Disziplin. Aber zum ersten Mal seit dem Wiederaufstieg (2002) werden die Genfer in einzelnen Spielen herumgeschubst: Servette ist zu klein und zu leicht geworden. Die SCL Tigers haben in dieser «Brockenstuben-Meisterschaft» die besten Schweizer Spieler.

Interessant ist die Situation bei den Torhütern. Biels Reto Berra, Langnaus Robert Esche, Ambris Thomas Bäumle und Servettes Tobias Stephan können an einem guten Abend Spiele für ihre Teams gewinnen. Aber Langnau hat den grossen Nachteil, dass es für Robert Esche eine Ausländerlizenz für einen Goalie opfern muss, der nach wie vor weniger konstant auf hohem Niveau spielt als Reto Berra, Thomas Bäumle und Tobias Stephan. Biel, Servette und Ambri hatten bisher den besseren Goalie als die SCL Tigers.

Servette auf den Pole Position

Servette ist für den Titel in der «Brockenstuben-Meisterschaft» – und damit auf den letzten Platz in den Playoffs – leicht zu favorisieren. Aber letztlich gilt: Auch für die SCL Tigers, für Biel und für Ambri sind die Playoffs zum Greifen nah.

Eine erste Weichenstellung bahnt sich an: Vor einem Jahr hat eine Herbst-Depression mit sechs Niederlagen in Serie zwischen dem 12. und 26. Oktober Biel die Playoffs seit dem Wiederaufstieg gekostet. Nun zieht nach dem 2:4 gegen Zug, der vierten Niederlage hintereinander, wieder eine Depression heran. Und am Freitag kommt Lugano.

Trainer und Sportchef Kevin Schläpfer ist angehalten, wieder einmal zu zeigen, warum er im Seeland als «Hockey-Gott» verehrt wird. Bevor ihm Präsident Andreas Blank und Manager Daniel Villard zeigen müssen, «wo Gott hocket.» Wir werden nach der «Brockenstuben-Meisterschaft» nicht nur wissen, wer den letzten Playoff-Platz erkämpft hat. Sondern letztlich auch, ob Kevin Schläpfer nach wie vor ein «Hockey-Gott» ist. Er hat als einziger der vier Trainer noch keinen Vertrag für nächste Saison.

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