«Time out»Wenn Eishockey mehr ist als nur ein Spiel
Ein historischer Augenblick: Heute wird im Ilfisstadion zu Langnau erstmals ein Playoff-Spiel ausgetragen. 20 Minuten Online fühlte den Puls der Emmentaler.
Das ganze Emmental steht hinter den SCL Tigers und hofft auf den grossen Coup. (Video: 20 Minuten Online)
Jahrelang haben in Langnau qualifizierte und weniger qualifizierte Männer aus aller Welt gecoacht und gemanagt. Gemeinsam war allen das Jammern. Wortreich haben wir jeweils erfahren, warum es nicht möglich ist, in die Playoffs zu kommen. Zu wenig Geld. Zu wenig gute Strukturen und überhaupt: In Langnau hinten sei halt Profisport im 21. Jahrhundert nicht mehr finanzierbar. Das müsse man einfach sehen. Und man solle aufhören, von den alten Zeiten zu träumen, als die Tiger 1976 sogar den Titel holten. Die Welt habe sich verändert und wer das nicht einsehen wolle, sei ein Ewiggestriger, ein Träumer und habe Gänge und Läufe der Zeit nicht begriffen.
Im Sport ist allen Exponenten zutiefst zu misstrauen, die von Strukturen statt Leistung, von Problemen statt Chancen fabulieren. Als alle Maulhelden im Sommer 2009 gescheitert waren, blieben in Langnau nur noch die ehrlichen Schaffer. Die echten Emmentaler. Jene, denen es nicht um persönliche Eitelkeiten geht. Jene, die wissen, was die SCL Tigers für die Menschen in dieser Region bedeuten und für die es eine «heilige Mission» ist, das Eishockey in Langnau zu erhalten.
Bekenntnisse zu den Tigers
Zum Beispiel Präsident Peter Jakob, ein lokaler Unternehmer, der sich im Weltmarkt behauptet.
Zum Beispiel Manager Ruedi Zesiger, der schlaue Seeländer, der im Schangnau hinten ein Emmentaler geworden ist. Zum Beispiel der pragmatische SP-Gemeindepräsident Bernhard Antener, der die Rettung der SCL Tigers zum Anliegen aller Parteien machte, das politische Gezänk beendete und ein Rettungspaket von fast einer Million zur Rettung des Unternehmens schnürte und beim Stimmvolk an einer denkwürdigen Gemeindeversammlung im Kirchgemeindehaus durchbrachte.
Dieses Bekenntnis der Langnauer zu ihrem Hockeyklub im Herbst 2009 ist im Rückblick so etwas wie ein «Rütlischwur» auf Emmentaler Art. Es ging um viel mehr als die Rettung eines Sportunternehmens. Es ging um den Stolz der Langnauer, der Emmentaler. Ja, um ein neues Denken: Schluss mit dem «mä cha haut nüt mache». Zurück zum wahren Wesen und Wirken der Emmentaler, dem keine Arbeit zu schwer und keine Herausforderung zu gross ist. In diesem Herbst 2009 haben die Langnauer beschlossen, wieder Langnauer zu sein und sich nicht mehr einfach allen Einflüssen von aussen zu beugen. Die Auswirkungen dieses «Yes, we can» auf das Wesen und Wirken der Emmentaler können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Im Denken mutig und gross
Und siehe da: Dem Bekenntnis sind Taten gefolgt. Es geht also doch. Diese ersten NLA-Playoffs sind der Lohn für gute, ehrliche Arbeit. Sie sind ein Signal für die Emmentaler, für alle Randregionen in diesem Land: Grosses ist möglich. Es ist falsch, im Emmental hinten demütig ein wenig «Sahlenweidli-Romantik» zu pflegen, auf die Almosen der Politiker zu warten, zu allem Ja und Amen zu sagen, um ja die Obrigkeit nicht zu verärgern. Die vermeintlich Kleinen können grosse Taten vollbringen, wenn sie im Denken mutig und gross sind.
Die Emmentaler wussten das alles eigentlich schon immer. Aber sie haben es in der Wirtschaft, in der Politik und im Sport in den letzten Jahren hin und wieder vergessen und zu oft ihr Selbstvertrauen verloren.
Trainer John Fust, im fernen Amerika aufgewachsen, aber in der Seele ein Emmentaler Rebell, hat die Langnauer aufgerüttelt. Was Fust mit den Tigern für die Emmentaler getan hat, geht weit über den Sport hinaus und hat Selbstvertrauen und Widerspenstigkeit der Emmentaler neu entflammt.
Ein emmentalischer Nationalfeiertag
Das Sportunternehmen SCL Tigers befindet sich nach wie vor in einer kritischen finanziellen Situation. Das Stadion muss saniert werden. Aber die SCL Tigers haben keine Probleme. Sie haben vielmehr Chancen, die genützt werden können. John Fust hat es mit seinen Spielern vorgemacht.
Das Emmental hat sich neu erfunden. Oder besser: Die Emmentaler sind auferstanden. Das erste NLA-Playoffheimspiel, dieser 1. März 2011, ist so etwas wie ein emmentalischer Nationalfeiertag. Wie ein neuer Tag der Unabhängigkeit. Die Emmentaler feiern sich selbst und ihren Willen, Emmentaler zu sein und zu bleiben und ihre Unabhängigkeit und Eigenheit zu wahren. In einem Spiel gegen den SC Bern, der wie keine andere Institution die Berner Obrigkeit verkörpert. Das Resultat dieses Spiels ist eigentlich unerheblich.