ZSC Lions: Ein Weltstar hat sich verirrt

Aktualisiert

«Time out» mit Klaus ZauggZSC Lions: Ein Weltstar hat sich verirrt

Der Sturm der ZSC Lions müsste mit Nationalmannschaftsstärke sausen und brausen. Doch die Zürcher darben als offensiv schwächstes Team der höchsten Liga auf dem zweitletzten Platz. Weil sich ein Weltstar verirrt hat.

Klaus Zaugg
von
Klaus Zaugg

Zur Einstimmung die Fakten aus den fünf letzten Spielen der ZSC Lions: ZSC Lions - SC Bern 1:4. Fribourg - ZSC Lions 2:1. n.P. ZSC Lions - Kloten 2:1 n.P. Kloten - ZSC Lions 2:1. ZSC - Servette 1:3. Die Zürcher haben aus dem Spiel heraus in den letzten fünf Spielen fünf Tore geschossen. Eines pro Partie.

Selbst in der höchsten italienischen Fussball-Liga (nicht bekannt für offensives Spektakel) haben diese Saison zwölf von zwanzig Teams pro Spiel mehr Tore produziert als die ZSC Lions in den letzten fünf Partien. Und dies mit einem Sturm, der in Nationalmannschaftsstärke sausen und brausen müsste.

Andres Ambühl und Thibaut Monnet haben beispielsweise im Rahmen der letzten WM für die Schweiz zusammen in sieben Spielen (darunter Partien gegen Olympiasieger Kanada und Weltmeister Tschechien) sechs Tore erzielt. Für die ZSC Lions produzierten sie bisher in elf Partien gerade mal einen einzigen Treffer. Oder noch ein anderes offensives Kuriosum: Die ZSC Lions haben in 11 Spielen 22 Tore erzielt. In der gesamten Nationalliga (NLA und NLB) gibt es unter den 22 Teams nur eines, das noch weniger oft getroffen hat: Visp in der NLB mit 19 Toren aus 8 Spielen.

Besucher aus dem hohen Norden

Warum ist das so? Ganz einfach: Weil sich ein Weltstar verirrt hat. Am Dienstagabend sitzen zwei gutgelaunte Herren im hölzernen Iflisstadion zu Langnau auf der Tribüne und beobachten die Partie SCL Tigers gegen die Kloten Flyers: Bengt-Ake Gustafsson (52) und sein Freund Köbi Kölliker (57).

Gustafsson war eine der grossen Spielerpersönlichkeiten des Welteishockeys und ist heute einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. 2002 Meister in Schweden, 2006 Olympiasieger und Weltmeister mit Schweden. Auch Land und Leute in der Schweiz kennt er bestens: Zweimal hintereinander (2000 und 2001) hält er die SCL Tigers in der NLA und Rock'n'Roller Todd Elik im Schach. Zudem gehörte er bis 2002 zusammen mit Köbi Kölliker zum Coachingteam von Ralph Krueger.

Gustafsson: «Könnte sofort eine Mannschaft übernehmen»

Wie kommt es, dass sich der Schwede ins Emmental verirrt hat? Weil der auslaufende Vertrag als Nationaltrainer in Schweden nicht erneuert worden ist. Deshalb hat er keinen Job. Er hatte auch mit den ZSC Lions verhandelt. Doch die Zürcher nahmen lieber Colin Muller - eine Art Soldat Schwejk des Trainerhandwerkes - als den charismatischen schwedischen Bandengeneral. Nun haben die ZSC Lions keine Führung, kein Spielkonzept, kein Charisma und (fast) keinen Erfolg.

Gustafsson erklärte gegenüber 20 Minuten Online, er geniesse die Kunstpause. Er sei wieder voller Energie und habe keinerlei Verpflichtungen. «Ich könnte, wenn es denn gewünscht würde, schon sofort eine Mannschaft übernehmen.» Und Kölliker könnte er gleich als Assistenten mitnehmen.

Entlassung von Muller (noch) kein Thema

Bei den ZSC Lions geht es auch um Eitelkeiten. Die Männer, die Colin Muller vom Assistenten zum Cheftrainer befördert haben und Gustafsson abblitzen liessen, wollen ihr Gesicht nicht verlieren. Eine Entlassung von Cheftrainer Muller ist also kein Thema. Die Not ist noch viel zu wenig gross. Die zerrüttete Mannschaft ist nominell so gut, dass sie hin und wieder gewinnt (warum nicht am Freitag gegen die SCL Tigers?) und jeder der raren Siege lässt sich als Wende interpretieren. Zudem gibt es vorerst noch die Option, einen neuen ausländischen Stürmer zu verpflichten.

Zum Abschluss noch ein wenig Polemik: Es ist ein Witz, dass Bengt-Ake Gustafsson eine Ferienreise in der Schweiz macht und Colin Muller an der Bande der ZSC Lions steht. Jeder Tag mit Colin Muller ist ein verlorener Tag in der Weiterentwicklung der Mannschaft der ZSC Lions, die gut genug ist, um die Qualifikation und die Meisterschaft zu gewinnen. Ende der Polemik.

Deine Meinung zählt