«Time-out» mit Klaus ZauggDer Fluch des ersten Platzes
Zwei Drittel der Qualifikation sind längst gespielt. Wer entwickelt sich zum Titelfavoriten? Der HC Lugano. Und der SCB hat die Hosen voll. Wegen des Fluch des ersten Platzes.
In der guten alten Zeit lohnte es sich, die Qualifikation zu gewinnen. Für den ersten Platz gab es ein Freilos: Problemlose Viertelfinals und damit eine Halbfinalgarantie. Inzwischen ist die Liga so ausgeglichen geworden, dass es keine leichten Viertelfinals mehr gibt.
Schlimmer noch: Die Teams auf den Plätzen sieben und acht sind meistens so gut, dass sie Meisterschaften gewinnen können und nur so weit hinten klassiert, weil aus irgend einem Grund während der Qualifikation schief gelaufen ist. Diese Probleme sind dann in den Playoffs vergessen, Spieler und Trainer krisenerprobt und das wahre Potenzial wird endlich umgesetzt. Der SC Bern hat in den letzten vier Jahren dreimal die Qualifikation gewonnen und ist dreimal im Viertelfinale gescheitert. Der HC Davos holte letzte Saison den Titel vom 4. Platz aus. Der Fluch des ersten Platzes.
Zittern beim SC Bern?
Und nun ist der SC Bern wieder auf bestem Wege dazu, die Qualifikation zu gewinnen. Als Lohn für die Anstrengungen wird der SCB wahrscheinlich Fribourg oder Lugano als Gegner bekommen. Die Stöcke der Spieler und die Kugelschreiber der Bürogeneräle Marc Lüthi und Sven Leuenberger zittern jetzt schon vor Nervosität.
Unter diesen Voraussetzungen ist der HC Lugano einer der heissesten Favoriten auf den Meistertitel. Was den SCB und die Konkurrenz beunruhigen sollte: Torhüter David Aebischer ist in der NLA angekommen. Er spielte in den letzten Wochen wieder (fast) sein bestes Eishockey. Das offensive Talent ist enorm, die Spielorganisation exzellent.
Zu viele Alphatiere beim HC Lugano?
Warum dann das Zittern um die Playoff-Qualifikation? Der HC Lugano hat die «Schwedische Grippe». Kenta Johansson ist zwar kein so extremer Defensiv-Taliban wie sein Vorgänger John Slettvoll. Aber auch seine Philosophie ist in den Grundzügen eine der Spielkontrolle. Und das funktioniert in der Lauf- und Tempoliga NLA nicht und eine defensive Ausrichtung ist in einer Mannschaft mit so vielen Alphatieren und einem latenten Hang zur Bequemlichkeit fatal. Typisch die letzte Niederlage in Biel: Nach einer problemlosen 2:0-Führung wurde die Arbeit eingestellt und das Tempo rausgenommen. Der haushohe Favorit ist in der Folge von einem mutigen Aussenseiter buchstäblich vom Eis gefegt worden.
Das wird in den Playoffs keine Rolle mehr spielen. Die Spieler werden Trainer Kenta Johansson ignorieren, mit Leidenschaft und vollen Energietanks antreten und sie haben alle Chancen, die Saison zu retten bis ins Finale oder gar zu einer Meisterfeier zu kommen.
Bührer kein Meistergoalie mehr
Beim SC Bern läuft die Entwicklung in einer entscheidenden Position verkehrt: Während in Lugano Torhüter David Aebischer immer besser wird, nimmt die Formkrise von Marco Bührer beängstigende Formen an: Inzwischen ist er hinter der nominell besten Mannschaft der Liga bei einer Abwehrquote von gerade noch 90,70 Prozent angelangt. In jedem Spiel kassiert er haltbare Tore. Eigentlich müssten alle Alarmglocken schrillen. Ganz nebenbei bemerkt: Ersatzgoalie Olivier Gigon hat eine Quote von 93 Prozent. Die Kritik an Bührer ist deshalb so hart, weil bei ihm nur erstklassige Leistungen gut genug sind: Er ist der Meistergoalie von 2004. Am Niveau von 2004 wird er gemessen und er ist der bestbezahlte Schweizer Goalie der Liga.
Aber es ist wie beim Märchen über die neuen Kleider des Kaisers. Alle sagen, wie wunderbare Gewänder der Kaiser doch hat. Niemand wagt es, dem Kaiser zu sagen, dass er ja gar keine Kleider anhat. Bis auf einmal ein Kind ruft: Schaut her, der Kaiser ist ja nackt.
So wird Marco Bührer beim SCB reflexartig gerühmt. Inzwischen ist es nicht einmal mehr nötig, nach einem Spiel eine bissige Frage zu stellen: Unaufgefordert wird Bührers Leistung gelobt oder darauf hingewiesen, wie schwierig es sei, hinter einer meist überlegenen Mannschaft zu spielen. Die Erklärungen, warum ein Tor nicht haltbar war, sind so abstrakt wie ein Gemälde von Salvatore Dali. Nur ja ums himmelswillen nicht etwa Bührer kritisieren! Es darf nicht sein, was nicht sein darf: Der SC Bern hat ein Goalieproblem.
Wenn die Fans des Leaders maulen
Dabei müssten beim SCB Management und Trainer ein Interesse daran haben, dass während der Qualifikation ein bisschen Unruhe aufkommt und Bührer ordentlich kritisiert wird. In Watte verpackt werden die Jungs nicht playofftauglicher. Inzwischen ist der SCB, der die grösste Zuschauerkulisse zu unterhalten hat, eines der langweiligsten Team der Liga geworden. Zum ersten Mal in der Geschichte maulen bei einem Tabellenführer die Fans seit Wochen über langweiliges Hockey und zu wenig Unterhaltung.
Die Trainer haben im Olympischen Jahr gut drei Wochen Zeit, ihre Teams auf die Playoffs vorzubereiten und meine Rangliste als Irrtum zu entlarven. Was, wenn beispielsweise der SCB doch Meister wird? Dann habe ich schon eine Kolumne über Larry Huras im Kopf. Titel: «Der grösste Trainer aller Zeiten, Länder und Ligen».