Spielt bald ein Schweizer Team in Russland?

Aktualisiert

Verrückter Plan der KHLSpielt bald ein Schweizer Team in Russland?

Die russische Liga KHL vermeldet offiziell ein Schweizer Team ab der Saison 2014/15. Ein Scherz? Nein, dahinter steckt die verrückteste Geschichte unseres Eishockeys.

Klaus Zaugg
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Klaus Zaugg
Spielen die KHL-Stars des ZSKA Moskau ab 2014 in der Schweiz? (Bild: Keystone)

Spielen die KHL-Stars des ZSKA Moskau ab 2014 in der Schweiz? (Bild: Keystone)

Zwei Tage vor Heiligabend war es auch im bernischen Langenthal regnerisch und dunkel. Und so achtete kaum jemand auf den Russen, der kurz nach 18 Uhr aus einem Bürogebäude an der Lotzwilstrasse 66 kam, über den Parkplatz eilte, in einem Audi verschwand und in die Nacht hinausfuhr. Aber grosse Geschichten beginnen oft ganz klein und unauffällig. So wie jeder Wirbelsturm mit einer leichten Brise beginnt. Am Donnerstag hat in Langenthal ein verrücktes Abenteuer begonnen.

Die Geschichte ist jetzt noch ganz klein. Bloss eine Meldung auf der offiziellen russischsprachigen und seit kurzem auch auf der englischsprachigen Webseite der russischen Profiliga KHL. Aber es ist der Anfang einer endlosen Geschichte, die von nun an unsere Hockeyfunktionäre und mit ziemlicher Sicherheit eine schöne Schar von Juristen auf Trab halten wird: Die KHL hat offiziell die Aufnahme einer Mannschaft aus der Schweiz vermeldet: Ab 2014/15 spielen die «Helvetics» in der KHL mit. Das Projekt wird so diskret vorangetrieben, dass alle Beteiligten Geheimhaltungserklärungen unterschreiben mussten. Jetzt gibt es mit dieser Meldung das erste Lebenszeichen.

Pläne für 70-Millionen-Stadion

Aber wer steckt dahinter? Darüber macht die KHL keine Angaben. Weil das ganze Geschäft direkt mit der KHL eingefädelt worden ist, weiss auch beim Schweizerischen Eishockeyverband (SIH) noch niemand etwas. Der Russe, der da in die Nacht hinausgefahren ist, heisst Igor Pawlow und am Donnerstag sind die letzten Formalitäten für dieses KHL-Abenteuer erledigt worden. Richtig: Bei Pawlow handelt es sich um den ehemaligen Nottrainer der Rapperswil-Jona Lakers.

Igor Pawlos trainiert zurzeit keine Mannschaft. Er arbeitet für eine Männerrunde aus dem Bernbiet. Vier Herren halten die Aktien des soeben gegründeten Hockey-Unternehmens «Helvetics». Einer aus diesem Quartett ist der umtriebige Langenthaler Unternehmer Markus Bösiger (54). Er besitzt im bernischen Huttwil bereits das Nationale Sport- und Kulturzentrum mit einem Eisstadion. Für diese Anlage hat er kürzlich ein Baugesuch für Erweiterungen im Gesamtumfang von 20 Millionen eingereicht. In den Schubladen liegen Pläne für den Bau eines 70-Millionen-Stadions. Von der KHL haben die «Helvetics» die Bewilligung, anfänglich im Nationalen Sportzentrum in Huttwil zu spielen.

Sonderstatus in der Ausländerregelung

Markus Bösiger hat bereits erste Erfahrungen im Eishockey gesammelt und weiss aus eigener Erfahrung, dass es im Eishockey nicht nur Trainer, Goalies, Verteidiger und Stürmer braucht. Sondern auch Anwälte. Er schaffte mit seinen «Huttwil Falcons» im letzten Frühjahr sportlich den Aufstieg in die NLB. Aber die Liga hat ihm wegen Formalitäten den Aufstieg verweigert. Deshalb hat er die «Falcons» aufgelöst und das Eisstadion geschlossen. Und seither arbeitet er unter grösster Geheimhaltung am Projekt «Helvetics».

Wie geht es weiter? Die «Helvetics» haben Zeit, bis im Sommer 2014 ein Kader von rund 25 Spielern zusammenzustellen. Sie haben von der KHL bei der Ausländerregelung einen Sonderstatus erhalten: Als Ausländer gelten nicht – wie bei den anderen KHL-Teams – Spieler, die keinen russischen Pass haben. Sondern Spieler, die keinen Schweizer Pass haben. Will heissen: Die Mannschaft wird aus Schweizern plus vier Ausländern zusammengestellt. Die «Helvetics» bieten also Schweizern die Möglichkeit, in der KHL zu spielen und in der Schweiz zu wohnen.

Aber die Rekrutierung der Spieler und der Aufbau einer Teamorganisation für Spiele in ganz Osteuropa und in Sibirien ist ein Kinderspiel gegen das Überspringen der juristischen Hürden. Wie der FC Sion im Fussball halten die «Helvetics» im Eishockey die welthöchsten Funktionäre auf Trab.

IIHF-Präsident Fasel: «So geht das nicht»

Dr. René Fasel, der Präsident des Eishockey-Weltverbandes (IIHF) ist ob eines möglichen KHL-Teams in der Schweiz beunruhigt. Er kommt in eine heikle Lage. Einerseits ist KHL-Präsident Alex Medwedew sein Freund und sitzt auch im IIHF-Direktorat. Andererseits fürchtet Fasel die Expansionspläne der KHL nach Westeuropa wie der Teufel das geweihte Wasser: Die nationalen Verbände wehren sich gegen diese Konkurrenz und setzen die IIHF dagegen in Marsch.

Das Dilemma für Fasel: Soll er Medwedew mit seinen KHL-Expansionsplänen gewähren lassen, oder sollte er nicht besser die Interessen der Mitgliederländer schützen, deren Vertreter ihn ins Präsidentenamt gewählt haben und wieder wählen sollen? Dr. Fasel sagt gegenüber 20 Minuten Online: «Ich habe über dieses Projekt erst durch die Meldung auf der offiziellen KHL-Webseite erfahren. Freunde aus Russland haben mich angerufen. Ich gehe nun davon aus, dass der Schweizerische Eishockeyverband kein KHL-Team in der Schweiz will und wir werden in diesem Falle alles unternehmen, dass es kein KHL-Team in der Schweiz gibt. Ich muss mit Alex reden. So geht das nicht. Wir werden Druck machen. Notfalls drohen wir der KHL den Ausschluss aus dem Weltverband an.» Dr. René Fasel redet schon fast wie FIFA-Präsident Sepp Blatter.

«Helvetics» als westliches «Aussenbüro» der KHL

Sanktionen gegen die KHL wird Fasel nicht wagen. Nicht so kurz vor den Olympischen Winterspielen in Russland (Sotschi 2014). Es ist eine leere Drohung. Normalerweise genügt es ja, dass ein Landesverband einem Team den Ausschluss aus der Meisterschaft androht und schon werden alle KHL-Pläne obsolet. Würde der SCB solche Pläne hegen, würde die Drohung eines Ausschlusses aus der NLA genügen. Aber diese Drohung wird gegen die «Helvetics» nicht greifen.

Was diese Geschichte so brisant macht: Markus Bösigers «Helvetics» beteiligen sich noch an keiner Meisterschaft. Sie können nirgendwo ausgeschlossen werden. Aber sie verfügen bereits über ein Stadion und Investoren, die offenbar bereit sind, ein 20-Millionen-Saisonbudget für vorerst drei Jahre zu stemmen. Dabei steht nicht einmal der Sport im Zentrum. Die «Helvetics» sind als «Flugzeugträger» zur Eroberung einer globalisierten Welt, als westliches «Aussenbüro» vorgesehen: Als Plattform, um die Geschäfte zwischen Russland und Westeuropa in dem Land zu fördern, das immer noch einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt ist. Auch die Geschäfte von Alex Medwedew. Der KHL-General ist nämlich auch der Boss von Gazprom, dem grössten Erdgasförderungsunternehmen der Erde mit mehr als 50 Milliarden Jahresumsatz und 400 000 Jobs. Das neue Hockeyunternehmen «Helvetics» (mit der Rechtsform einer AG) ist nur ein Teil eines wirtschaftlichen und sportlichen Gesamtpaketes, an dem Investoren auch aus Russland grösstes Interesse haben.

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