«Time-out» mit Klaus Zaugg«Zerstört» Magnitogorsk den Victoria-Cup?
Eigentlich sollte der Stanley Cup-Sieger (Detroit) gegen das beste europäische Team um den Victoria-Cup spielen. Aber weil die NHL die Hosen voll hat, tritt mit den Rangers nur ein sportliches «Hinterbänkler-Team» gegen Magnitogorsk an.
Die bösen Kommunisten sind wieder da. Diesmal als Kapitalisten. Während des kalten Krieges waren die Auseinandersetzungen zwischen den russischen (sowjetischen) und nordamerikanischen Mannschaften epischen Duelle zwischen Westen und Osten. Zwischen Gut und Böse. Zwischen zwei Weltanschauungen. Der kalte Krieg bescherte dem internationalen Eishockey zwischen 1972 und 1987 die aufregendsten Jahre.
Die Sowjets waren «nur» eine sportliche Herausforderung für die arroganten Kanadier. Die Faszination der Mannschaft aus dem «Reich des Bösen» wurde durch die Geheimhaltung vergrössert: Niemand konnte frei durch die Sowjetunion reisen und das sowjetische Eishockey studieren. Die kanadischen NHL-Stars erlitten ausgerechnet im Forum zu Montreal (für die Kanadier so etwas wie die Rütliwiese des Eishockeys) gegen die Sowjets zwei Niederlagen, die das kanadische Selbstbewusstsein tief erschütterten: Am 2. September 1972 mit 3:7 und am 13. September 1981 ein 1:8.
Mit dem Untergang der UdSSR schien Gefahr gebannt
Das Selbstverständnis der NHL als wichtigste, beste und einzige Liga der Welt wurde angekratzt. Aber nicht wirklich getroffen. Es handelte sich ja um Nationalmannschaften. Nicht um ein eingespieltes NHL-Team.
Mit dem Untergang der UdSSR schien die Gefahr für das Mutterland des Eishockeys in sportlicher Hinsicht für immer gebannt. Nach wie vor verloren zwar die kanadischen NHL-Superstar auf internationalem Parkett dieses oder jene Spiel (2006 in Turin sogar gegen die Schweiz) - doch waren es Niederlagen, die eher wie Betriebsunfälle wirkten und, anders als einst die Duelle gegen die Sowjets, keinen ideologischen Hintergrund mehr hatten. Doch das Ende der Sowjetunion ist nicht das Ende der Geschichte.
Russen konkurrenzieren NHL
Nun hat die NHL seit zwei Jahren durch die Russen zum ersten Mal echte Konkurrenz im Hockey-Business erhalten. Die russischen Hockey-Milliardäre sind so reich und so ehrgeizig wie alle NHL-Teambesitzer. Mit der russischen Superliga tritt zum ersten Mal in der Geschichte eine Liga auf, die es auf wirtschaftlichem Gebiet mit der NHL aufnehmen und die, wenn sie will, (fast) jeden Spieler der Welt kaufen kann.
Natürlich gibt es einen fundamentalen Unterschied: Die Macht der NHL ruht auf einem traditionsreichen, gut funktionierenden Business, das im Jahr mehrere Milliarden umsetzt und für die Besitzer ein Geschäft ist. Teambesitzer kommen und gehen, die NHL bleibt bestehen. Die NHL ist eine unerschütterliche Eishockey-Geldmaschine.
Macht in Russlands Liga ohne Fundament
Die Macht der russischen Liga hat kein Milliardenbusiness als Fundament. Sie ist auf Gedeih und Verderb den Launen der milliardenschweren Teambesitzer ausgeliefert. Wenden sie sich vom Eishockey ab, gehen die Lichter aus. Die russische Kontinental-Liga (KHL), die zu einer internationalen Liga ausgebaut werden soll, ist eine riesige Geldvernichtungs-Anlage und der Traum von der Liga von Ural bis an den Atlantik wird wohl nie wahr werden. Aber so lange diese Milliardäre gewillt sind, die Liga zu alimentieren, so lange ist sie eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung für die NHL und die NHL hält mit immer mehr NHL-Spielen in Europa dagegen. Und wir sollten uns nicht täuschen: Die Ideologie ist zurück. Jetzt ist es nicht mehr Kommunismus gegen Kapitalismus. Jetzt ist es das heilige Russland gegen das arrogante Amerika. Die Triebkraft dieser Ideologie wird von den NHL-Machern nach wie vor unterschätzt. Der wieder erwachte russische Imperialismus hat im Eishockey eine sportliche Spielwiese gefunden.
Pleite des Stanley-Cup-Siegers unvorstellbar
Der Stanley-Cup-Sieger ist im Selbstverständnis der Nordamerikaner die beste Mannschaft der Welt aus der besten Liga der Welt. Offiziell ist der Stanley Cup-Sieger in seiner ganzen Geschichte noch nie von einem europäischen Gegner herausgefordert worden. Eine Niederlage des Stanley Cup-Siegers in einem offiziellen Spiel wäre ein verheerender Image-Verlust für die NHL, die sich in den USA seit Jahren gegen die grossen drei Sportarten Football, Basketball und Baseball in einem fast hoffnungslosen Kampf um TV-Präsenz befindet. Es wäre so, wie wenn der Gewinner der Super-Bowl gegen den Sieger der kanadischen Football-Liga verlieren würde. Einfach unvorstellbar.
Die russischen Hockey-Milliardäre haben nun Mannschaften aufgebaut, die in einzelnen Spielen den Stanley-Cup-Sieger vom Eis fegen können. Sie investieren bis zu 60 Millionen Dollar in ihre Teams, noch mehr als die nordamerikanischen Hockeybarone.
Eine Pleite der Rangers könnte alles ändern
Dieser Gefahr sind sich die NHL-Generäle sehr wohl bewusst. Deshalb wird beim Victoria Cup nie der Stanley Cup Sieger gegen den Sieger der Champions Hockey League (CHL) antreten. Die NHL-Macher haben Angst vor den Russen und die Hosen voll. Sollte Magnitogorsk die Rangers mit einem Kantersieg «zerstören», könnte dies sogar das Ende des Victoria Cups bedeuten. Ein Sieg der Rangers wäre für die Zukunft dieses Wettbewerbes besser.