Was das Herz begehrtDas Luxusleben von Diaz und Weber
Rafael Diaz und Yannick Weber arbeiten bei den Montreal Canadiens hart an ihrer NHL-Karriere. Neben dem Eis kümmert sich der Verein um das Wohl der Spieler.

Yannick Weber (l.) und Rafael Diaz leben in Montreal in sehr guten Verhältnissen. (Bild: Keystone/AP)
Yannick Weber logiert in Montreal an bester Adresse, Rafael Diaz ist im Fünfsterne-Hotel untergebracht. Spielern der Canadiens werden Träume erfüllt, sei es ein Platz im ausgebuchten Restaurant oder ein Privatjet zum Spiel.
Auch an einem normalen Montagabend sind die Restaurants und Bars in Montreal gut besucht. Die Stadt am Lorenzstrom ist einer der wenigen Orte auf dieser Welt, wo verschiedene Kulturen in einer guten Art zusammenleben. Westlich vom Boulevard Saint-Laurent wird englisch gesprochen, östlich davon französisch. Das Savoir-Vivre, die genüssliche Lebenskunst des französischen Volkes, ist in ganz Montreal spürbar. Unzählige Restaurants mit französischem Charme bürgen für die hohe Lebenslust der Québécois. Nicht weniger Microbrasseries, kleine Bars mit eigenem Braumeister, zeugen von der britischen Krone, die nominell noch immer das Staatsoberhaupt Kanadas ist.
Erinnerungen an die Heimat
Yannick Weber wohnt im östlichen, französischen Teil der Stadt. An der ältesten Strasse Montreals, die 1672 unter der Herrschaft des französischen Sonnenkönigs Louis XIV erbaut wurde, hat der Berner im September eine Wohnung bezogen. Die historischen Bauten und das Strassennetz aus Pflastersteinen erinnern an die Berner Altstadt. «Deshalb wohne und arbeite ich ja hier», schmunzelt Weber. Französisch spreche er nur mit den Medien, «weil ich die Antwort im starken Akzent der Québécois doch nicht verstehen würde». An diesem Montagabend trägt Weber einen Jogginganzug mit Sportjacke und eine Baseballkappe der Boston Red Sox.
Im lockeren Outfit betritt er eines der besten Restaurants der Strasse. «Ich habe gehört, hier könne man richtig gut essen», sagt Weber. Das Lokal ist an diesem Abend ausgebucht, doch für den Verteidiger der Montreal Canadiens finden die Betreiber trotzdem einen Platz. «Wir führen nur ein Interview, danach sind wir wieder weg», sagt er in akzentfreiem Englisch. «Einige Häuser weiter liegt das bestbesuchte Lokal der Stadt», erklärt Weber, «es gehört einem Starkoch, der eine Show am TV hat.» Weber bestätigt, dass er ein «Gourmand» ist, der auch gerne selbst zum Kochlöffel greift. «Gutes Essen ist mir sehr wichtig.» Weber kennt alle bekannten Kochshows am kanadischen TV, die Rezepte probiert er jeweils selber aus. Später an diesem Abend wird er drei verschiedene Salate zubereiten, er wird frische Feigen mit Rohschinken vermählen und ein Steak grillieren. «Ich habe gerade Besuch aus der Schweiz», erklärt er und lässt sich deshalb auch nur zu einem Mineralwasser einladen.
800 000 Dollar Salär plus Spesen
Weber ist gelassen, trotz schlechtem Saisonstart der Montreal Canadiens. «Hier in Montreal ist jedes Saisonspiel eine grosse Sache, verlieren ist immer verboten.» Er habe in diesem Jahr zum ersten Mal befreit aufspielen können, weil er im Sommer einen Einwegvertrag unterzeichnet habe, der ihm ein festes NHL-Salär sichere. NHL-Spieler werden zweiwöchentlich per Check bezahlt, das Salär wird in 82 Tranchen geteilt, für jede Partie der Regular Season gibt es einen dieser Lohnanteile. «Finanziell fiel schon die letzte Saison mit 41 Partien nicht schlecht aus», schmunzelt Weber. Er hat einst in der NLB für den Lohn eines Handwerkers gearbeitet, schuftete danach für ein Sackgeld in den kanadischen Juniorenligen und bezog darauf in drei Jahren ein AHL-Salär, das mit NHL-Tantiemen aufgewertet wurde. Mit seinem Einwegvertrag ist Weber nun auch monetär im Profieishockey angekommen. Die Montreal Canadiens bezahlen ihm 800 000 US-Dollar Lohn, abzüglich Steuern (gut 50 Prozent), zudem gibt's einen Spesenanteil pro Tag, wenn er mit dem Team auf Auswärtsreise ist.
«Ich fahre immer BMW»
In der Tiefgarage, die Weber zu seiner Wohnung gemietet hat, steht ein BMW. «Meine liebste Automarke», wie er erklärt. «Ob in der Schweiz oder in Montreal, ich fahre immer BMW.» Weber erzählt von seinem Sommeraufenthalt in der Schweiz, den er mit seiner Familie, Mark Streit und Roman Josi verbracht hat. In der Saisonvorbereitung lockerte er hartes Krafttraining mit Tennispartien auf und das Eistraining mit dem SCB hat ihn beeindruckt. «Larry Hurras ist ein typischer kanadischer Coach. Wie Sean Simpson. Ich pflege zu beiden ein sehr kollegiales Verhältnis.»
Von einem Knatsch mit dem Nati-Trainer will er gar nichts wissen. «Ich wollte, als ich mich im Frühling gegen eine WM-Teilnahme entschieden hatte, einfach nicht ein intaktes Team stören, nur um für zwei oder drei Partien mit dabei zu sein.» Simpson komme ihn und Rafael Diaz sicher im Januar besuchen, «das macht er immer so». Die Konkurrenzsituation mit seinem Nationalmannschaftskollegen Rafael Diaz nimmt Weber gelassen. «Die Konkurrenz habe ich bisher in jeder Saison in Nordamerika erlebt.» Dass ihn nun ein Schweizer fordere, mache da keinen Unterschied. «Für mich ist wichtig, dass mich die Montreal Canadiens regelmässig im Powerplay einsetzen. Daran messe ich meine Bedeutung im Team.»
Diaz' Suite im Fünfsterne-Hotel
Nach dem Termin mit Yannick Weber meldet sich Rafael Diaz per SMS. Das kanadische Mobiltelefon hat er soeben organisiert, zuvor war er nur über seine Schweizer Nummer erreichbar. Er gibt ein trendiges Restaurant im englischen Teil Montreals an, wo er sich gerade aufhält. Gemeinsam mit Montreal-Stürmer Aaron Palushaj diniert Diaz ein Steak, das so dick ist wie die Schaufel eines Eishockeystocks. Er trägt einen Kapuzenpullover und eine Baseballkappe. Diaz sagt, die Menschen in Montreal würden ihn auf der Strasse nicht erkennen. Kurz darauf wünscht ihm eine Serviertochter dennoch ein gutes nächstes Spiel. Diaz und Palushaj essen regelmässig zusammen im Restaurant, zumindest zum Abendessen sind sie auf sich gestellt. «Die Montreal Canadiens bereiten uns vor dem Training ein Frühstück und danach ein Mittagessen zu», erklärt Diaz und fügt an, dass er das in der Schweiz nur auf Auswärtsfahrten erlebt habe.
Das Trainingsgelände, wo die Spieler arbeiten und verköstigt werden, ist mit Schweizer Masstäben nicht vergleichbar. Eine Dreifachturnhalle, zum Teil mit Kunstrasen ausgelegt, zwei Eisfelder, ein Fitnesscenter, VIP-Garderoben, ein TV-Studio, ein Fanshop, eine Kaffeebar und Zuschauertribünen gehören zum Standard. Die Anlage befindet sich rund 20 Minuten ausserhalb Montreals, Diaz hat sich deswegen ein Mietauto organisiert. Er fährt einen Dodge, wie es sich in Nordamerika gehört. Das Auto parkiert er in der Tiefgarage des Stadions, sein temporäres Logis liegt einen kurzen Fussmarsch entfernt. Die Canadiens haben Diaz im Fünfsterne-Hotel einquartiert, für ihn ist dort eine Suite reserviert.
Nur Privatpersonen haben Probleme am Zoll
Besucht man den Nationalverteidiger im Hotel, ruft der Concierge nicht Diaz, sondern die Managerin des Hotels. Nur der Besuch, den Diaz explizit wünscht, wird auch zu ihm durchgestellt. Seine Privatsphäre wird geschützt wie das Gold der Nationalbank. «Gell, da würdest du auch gerne mal wohnen», scherzt Diaz, als er in der Hotellobby auftaucht. Einen Tag nach seinem Abendessen in Kapuzenpullover und Baseballmütze ist er wie verwandelt. Diaz ist bereit zu seinem zweiten Auswärtstrip der Saison, frisch gekämmt und im Anzug, den er einmal von der Nationalmannschaft erhalten hat. «Sonst trage ich halt nie so edle Kleider», sagt er und zeigt seine Nationalmannschafts-Uhr, die er dazu trägt. Mit auf die Reise nach Pittsburgh nimmt Diaz nur einen kleinen Koffer. «Eishockeytaschen tragen muss ich hier in der NHL nie, wir haben fünf Materialwarte, die sich um alles kümmern», sagt er.
Auch die üblichen Sicherheitskontrollen, mit Wartezeiten wie man sie von nordamerikanischen Flughäfen kennt, muss er mit seinem Team nicht durchlaufen. Die Montreal Canadiens chartern jeweils Privatmaschinen von Air Canada, solche die ausschliesslich mit Sitzen der Businessklasse ausgestattet sind. Abgeflogen wird von einem speziellen Terminal, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Wann immer die Canadiens die Stadt mit dem Flugzeug verlassen oder vom «Road Trip» zurückkehren, für das Eishockeyteam der Stadt ist der Flughafen in Montreal immer offen. «Wollen wir morgens um 2 Uhr landen, so ist das kein Problem», erklärt Weber.
Er hatte schon mal Probleme mit der Einreise in die USA, die amerikanischen Behörden prüfen den Pass jeweils schon am kanadischen Abflughafen. Weber wurde einvernommen, als er auf einer Privatreise an der Zollkontrolle anstand und in die USA einreisen wollte – wie ein normaler Bürger halt. «Danach habe ich meinen Flieger verpasst, mit dem Team haben wir nie solche Zwischenfälle», erklärt er. Als Eishockeyspieler in der kanadischen Hockey-Metropole Montreal ist man halt mit etwas französischem Charme und britischer Lebensfreude so etwas wie Gott in Frankreich.