Wm-Traum vorbeiMärchen endet mit Wildwest-Einlagen
Die Schweizer begannen die WM mit offensiven Sinfonien und beendeten sie mit einer wüsten Prügelei. Die Niederlage gegen Deutschland ist wohl die bitterste der Geschichte.
(Video: YouTube)
Das wilde Ende eines bitteren Spiels: Draussen wird noch geehrt und gejohlt. Doch Timo Helbling, unser Mann fürs Grobe, Strafbankkönig der NLA, stürmt bereits lange vor seinen Kameraden wutentbrannt durch den Gang in die Kabine und knallt die Türe zu, dass es wie Donnerhall durch den Bau des Stadions rollt. Eine Gesichtshälfte hält er mit einem Handtuch bedeckt, um die Blutungen aus einer Wunde unter dem Auge zu stoppen.
Er ist ganz am Schluss in eine Prügelei geraten, in die sich auch noch die Betreuer der Deutschen eingemischt haben. Die blutende Wunde stammt entweder von Ernst Höfner, dem Assistenz-Trainer der Deutschen, oder Marcel Müller. Es sind die wildesten Prügelszenen auf diesem Niveau seit dem 3. Mai 1985 in Prag, als die Russen die Amerikaner 10:3 vom Eis fegten und sich ordentlich vermöbelten.
Ausgelöst hat diese Wildwestszenen Deutschlands Rumpelstürmer Marcel Goc. Er fährt Thibaut Monnet nach dem Schlusspfiff über den Haufen. Fouls nach Spielschluss werden im Eishockey generell nicht goutiert und führen zu Schlägereien. Das ist Ehrensache.
Die Schiedsrichter brauchen fast eine halbe Stunde, bis sie alles zusammengerechnet und auseinanderdividiert haben. Für das wilde Finale des Schweizer WM-Abenteuers gibt es 92 Strafminuten, inklusive eine Matchstrafe für Timo Helbling, der dafür, sollte er nominiert werden, fürs erste Spiel der nächsten WM gesperrt sein wird. Zehn Minuten gibt es auch noch für Goran Bezina und Thomas Déruns, die sich ebenfalls wacker geschlagen haben. Insgesamt müssen die Schweizer in dieser Partie 81 und die Deutschen 41 Strafminuten verbüssen.
Der ganze Frust über das missglückte Ende hat sich in diesen letzten Sekunden entladen.
Trainer-Lämmchen
Die beiden Nationaltrainer Uwe Krupp und Sean Simpson wollten hinterher zu diesem wilden Ende nichts sagen und machten unschuldige Gesichter, als hätten sie soeben gegenseitig Blumensträusse ausgetauscht. Eishockey sei halt ein emotionales Spiel und diese Schlägerei sei nicht die Story des Abends, belehrte Krupp die Reporter. Und Sean Simpson sprach von einem intensiven, emotionalen Spiel.
Erst als er das Video gesehen hatte, sagte er, was war: «Sacha Goc hat völlig unnötig Thibaut Monnet über den Haufen gefahren und die Schlägerei ausgelöst.»
Es hat also gerumpelt, ganz ordentlich gerumpelt.
Trotz Überlegenheit verloren
Und es ist alles schief gelaufen bei diesem 0:1 gegen Deutschland. Die schlimmsten Hockey-Albträume sind wahr geworden. Es ist, als ob uns die Hockeygötter für das Rumpelhockey bestrafen wollten, das wir jahrelang unter Ralph Krueger unseren Gegnern angetan haben.
Deutschland ist der spielerisch schwächste WM-Halbfinalist aller Zeiten. Aber eben auch der WM-Halbfinalist, der aus seinen bescheidenen spielerischen Möglichkeiten ein Maximum herausgeholt hat. «Wir haben in Deutschland im Sport eine lange Geschichte aussergewöhnlicher Leistungen bei Weltmeisterschaften im eigenen Land. Im Fussball, im Handball - und nun eben auch im Eishockey.» Deutschland war noch gar nie in einem WM-Finale. Letztmals waren die Deutschen an einem WM-Turnier 1953 in der Schweiz (WM-Bronze) unter den ersten vier. Die letzte Medaille gab es 1976 (Olympia-Bronze).
Die Schweizer konnten dieses Spiel gegen den Erzrivalen nicht gewinnen, weil zu viele Details nicht stimmten. Ein bisschen zu wenig Tempo, ein bisschen zu wenig Präzision, ein bisschen zu wenig grimmige Entschlossenheit, ein bisschen zu wenig Selbstvertrauen, ein bisschen zu wenig Kaltblütigkeit, ein bisschen zu wenig Glück. Deshalb blieb es trotz 41:25 Torschüssen beim 0:1.
Torlos nach Hause
In den letzten zwei Spielen gegen Schweden (0:5) und Deutschland (0:1) haben die Schweizer kein Tor mehr erzielt. Simpson sagt, warum das so war. «Es fehlte uns in diesen zwei letzten Spielen die Energie und die Frische. Wir waren müde.» Und Marcel Jenni ergänzte: «Wir fanden nie den Fluss im Spiel, den wir gegen diese defensiv starken Deutschen gebraucht hätten. Es ist definitiv eine der bittersten Niederlagen meiner Karriere.» Er anerkannte aber auch die Leistung des Gegners: «Die Deutschen haben sich diesen Sieg durch eine starke Defensivleistung verdient und wenn wir mehrmals den Pfosten getroffen haben, dann kann ich nur sagen: An den Pfosten ist halt auch daneben.»
Steve Hirschi, wahrscheinlich unser konstantester Spieler an dieser WM, zeigte nach dem Spiel verbal die Ratlosigkeit, die das Spiel der Schweizer geprägt hatte: «Was soll ich sagen? Es hat einfach nicht sollen sein.» Und Damien Brunner, der Neuling, der an diesem Turnier so positiv überrascht hat, brachte es auf den Punkt: «Es ist ganz einfach dumm gelaufen.» Er hatte einmal das leere Tor vor sich. «Aber der Puck war schwierig zu kontrollieren. Deshalb habe ich nicht getroffen.»
Es ist einfach dumm gelaufen. Es ist wahrscheinlich die bitterste Niederlage in der Geschichte unseres Hockeys (seit 1908). Zum ersten Mal durften wir in einem Viertelfinale gegen einen Gegner antreten, der in der Weltrangliste hinter uns klassiert ist. Eine Jahrhundertchance, erstmals seit 1998 ins Halbfinale vorzurücken. Eine riesige Chance auch für Nationaltrainer Sean Simpson, wie sein Vorgänger Ralph Krueger gleich beim ersten WM-Turnier das Halbfinale zu erreichen.
«Wir haben es verpasst, aus einer einmalig guten Ausgangslage nach der Zwischenruznde mehr zu machen», brachte es Martin Plüss auf den Punkt. «Aber es war eine tolle WM mit einem coolen Team.»
Wo liegt das Problem?
Am Schluss geht es darum, Sündenböcke zu finden. Gibt es überhaupt Sündenböcke?
Sind die Spieler schuld, die nicht an die WM fahren wollten? Es tut ja schon weh, 0:1 im Viertelfinale zu verlieren und im TV-Studio sitzt ein kerngesunder Mark Streit, einer der besten Offensiv-Verteidiger der Welt, um das Spiel zu analysieren. Hätten wir mit Mark Streit, mit Reto von Arx, mit Beat Forster, mit Julien Sprunger beispielsweise das WM-Halbfinale erreicht? Captain Mathias Seger sagt nein. Doch in Tat und Wahrheit ist es so: Wenn wir die Besten dabei gehabt hätten, würden wir am Sonntag um eine goldene oder eine bronzene Medaille spielen - allerdings nur dann, wenn alle, die jetzt abgesagt haben, mit hundertprozentiger Motivation dabei gewesen wären.
Die Deutschen erzielten das goldene Tor durch Philip Gogulla (sein erstes Tor, sein erster Skorerpunkt an dieser WM, sein einziger Torschuss in diesem Spiel!) nach einem Abpraller von Martin Gerber. Streng hockeyrechtlich also ein haltbarer Treffer. Doch Gerber spielte eine starke WM und bei einem 0:1 kann wohl nicht der Torhüter verantwortlich gemacht werden. Es war sein Pech, dass die Scheibe nicht, wie sonst in 99 von 100 Fällen, nach vorne, sondern schräg nach vorne abprallte. Aber wenigstens blieb uns die ultimative Schmach erspart: Dass Ralph Kruegers Sohn Justin das goldene Tor schiesst.
Bei einem 0:1 ist das Problem die Offensive: Die fehlende offensive Durchschlagskraft ist uns ausgerechnet an der WM zum Verhängnis geworden, bei der wir erstmals einen Schritt Richtung offensiveres, kreativeres Hockey gemacht haben. Aber wir sind offensiv noch zu wenig gut, um einen defensiv so starken Gegner wie Deutschland auf diesem Niveau zu knacken - aber andererseits in der spielerischen Entwicklung bereits zu weit fortgeschritten, um in einem solchen Notfall wieder zum primitiven Steinzeithockey zurückkehren zu können.
Oder ist am Ende Martin Plüss an allem Schuld? Nach 15 Minuten und 28 Sekunden wird er unter die Dusche geschickt: Stockstich gegen Christian Ehrhoff, Deutschlands Antwort auf Mark Streit. Ist es ein Stockstich? Die TV-Bilder zeigen eine Bewegung, die einen Stockstich erahnen lässt und einen Ehrhoff, der wie ein italienischer Fussballspieler theatralisch zusammensinkt. Ein harter, aber vertretbarer Entscheid der Schiedsrichter. «Er hat mich zur Seite geschoben und ich wollte mich mit einem Schlag auf seine Schienbeinschoner bemerkbar machen. Dabei habe ich ihn irgendwo getroffen», sagt Plüss zu dieser Szene. Jenni hat dazu eine klare Meinung: «Da war gar nichts.»
Der Schaden, den diese Strafe anrichtet, ist auf den ersten Blick gering: Die Schweizer überstehen die Fünfminutenstrafe gegen die Deutschen, die nicht einmal in Überzahl einen richtigen Angriff zustande bringen, ohne Problem. Die Schweiz hat das beste Boxplay dieser WM.
Aber fortan fehlt mit Plüss der Topskorer unseres Teams. Der SCB-Center hatte in den bisherigen sechs WM-Partien vier Tore und zwei Assists erzielt. Paul Savary nimmt den Platz von Plüss zwischen Rüthemann und Thomas Déruns ein - aber Savary (6 Spiele, 1 Assist) ist ein offensiver Hinterbänkler. Im Schweizer Angriff musste ein Formel 1-Bolide durch einen Traktor ersetzt werden.
Kein Wunder, löste sich am Schluss unser schönes Hockeymärchen in Wildwestmanier auf.