«Patriot werde ich sicher nicht mehr»

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Amir Abrashi«Patriot werde ich sicher nicht mehr»

2011 holte er mit der Schweizer U21-Nati EM-Silber und vertrat die Schweiz 2012 an Olympia. Dann erlag Amir Abrashi dem Lockruf aus Albanien und spielt nun gegen die Schweiz.

Eva Tedesco
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Eva Tedesco

71 Spieler hat Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld seit seinem Amtsantritt im Juli 2008 aufgeboten, 63 eingesetzt und 33 Neulinge nominiert. Für Amir Abrashi, der einst der Schweizer U18- und U21-Auswahl angehörte, kam aber nie Post vom SFV. Der GC-Terrier wartete vergeblich auf ein Aufgebot der A-Nati, denn im zentralen Mittelfeld hat Hitzfeld ein Überangebot. Abrashi wusste, an Gökhan Inler, Valon Behrami, Blerim Dzemaili und Pirmin Schwegler kommt er nicht vorbei.

Als die Albaner anfingen, um ihn zu werben, begann eine erste kleine Idee zu reifen. Irgendwann vor wenigen Monaten ist der 23-jährige schweizerisch-kosovarische Doppelbürger dann dem Lockruf aus Albanien erlegen. Er folgte dem Verstand und nicht dem Herzen. Am Sonntag flog er zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Shkelzen Gashi und dem St. Galler Ermir Lenjani nach Albanien, wo am Freitag in Tirana das WM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz steigen wird.

Amir Abrashi, am Freitag stehen Sie erstmals ihren Kollegen von früher gegenüber, mit denen Sie jahrelang aufgelaufen und Vize-Europameister geworden sind. Sind Sie sicher, dass Sie nicht bei der Schweizer Hymne mitsingen werden?

Amir Abrashi: Das wärs noch (lacht). Nein, das wird schon klappen, aber es wird schon komisch sein, wenn ich gegen Kollegen spielen muss, die ich tagtäglich im Training sehe und mit denen ich sonst gemeinsam auf Punktejagd gehe. Ich freue mich darauf, aber es wird auch ganz schön krass werden.

Sie haben verschiedene Junioren-Auswahlen durchlaufen und wie gesagt an der EM 2011 gespielt und die Schweiz auch an Olympia 2012 vertreten. Wieso haben Sie sich plötzlich für Albanien entschieden?

So plötzlich war das nicht. Sie haben mich schon lange beobachtet und auch kontaktiert. Trainer Gianni De Biasi und sein Assistent sind in die Schweiz gekommen, haben mir alles erklärt und ein gutes Gefühl gegeben.

Und dann sind Sie den Verlockungen erlegen?

Ich bin mehr Schweizer als Kosovare und hätte gerne für die Schweiz gespielt, aber ich musste auch für mich und meine Karriere schauen. Ich bin jetzt 23 Jahre alt und wollte nicht erst mit 26 oder noch später Nationalspieler werden. Ich muss Schritt für Schritt weiterkommen und nach dem Ende bei der U21-Nati hat mir etwas gefehlt.

Wenn Sie Ottmar Hitzfeld in all den Jahren zumindest pro forma aufgeboten hätte, hätten Sie weiter Geduld bewiesen?

Wahrscheinlich schon. Vielleicht. Es bringt nichts, darüber nachzudenken. Ich habe mich entschieden.

Aber haben Sie vor Ihrer Entscheidung den Kontakt zu Ottmar Hitzfeld und dem SFV gesucht?

Klar. Ich habe nichts hintenherum gemacht, sondern bin ehrlich auf den Verband zugegangen, habe das Gespräch gesucht und bin mit Herrn Hitzfeld auch zusammengesessen. Und er hat mir gesagt, dass ich Geduld haben solle, denn nach der WM würden die Karten wieder neu gemischt. Er würde mich beobachten und ich sei auf einem guten Weg. Er hat versucht mich umzustimmen, aber ein Stück weit hat er mich auch verstanden und hat gesagt, dass er es schade findet. Da bin ich sicher.

Haben Sie die Entscheidung schliesslich allein getroffen?

Es war ein Kampf zwischen meinem Kopf und meinem Herzen. Natürlich habe ich mit meinem Berater, mit Mannschaftskollegen und auch aktuellen Nationalspielern gesprochen, aber die Entscheidung musste ich ganz alleine fällen.

Welchen Einfluss hatte dabei Ihre Familie?

Null! Die Familie hatte keinen Einfluss. Sie haben mir gesagt, dass das ganz allein meine Sache sei.

Sie sind Kosovare und haben sich jetzt für Albanien entschieden. Welchen Bezug haben Sie überhaupt zu diesem Land?

Ich habe Verwandte seitens meiner Mutter in Albanien, die ich in den Ferien ab und zu besuche und wir sprechen die gleiche Sprache. Gjakove, der Heimatort meiner Eltern und auch der Heimatort von Lorik Cana (Albanien-Star und Spieler bei Lazio Rom, Anm. d. Red.) liegt nur drei Stunden von der albanischen Grenze entfernt. Aber ich weiss, worauf Sie hinauswollen: Nein, Patriot werde ich sicher keiner. Ich weiss, wo ich geboren und aufgewachsen bin und was ich der Schweiz zu verdanken habe.

Aber Sie mussten extra den albanischen Pass beantragen, um qualifiziert zu werden?

Genau. Und nicht nur ich. Auch meine Eltern. Die Fifa verlangt das offenbar so.

Hatten Sie nach der Bekanntgabe Ihres Nationenwechsels Reaktionen?

Natürlich habe ich gewisse Dinge in den Medien gelesen, und Sätze wie «Dann soll er doch gehen», haben schon wehgetan, aber zum Glück hat sich alles schnell beruhigt. Und es hat ja auch solche gegeben, die mich verstehen.

Am Freitag wird eine Schweiz A einer Schweiz B im Qemal-Stafa-Stadion gegenüberstehen. Erwarten Sie eine aufgeheizte Atmosphäre in Tirana?

Nein, da muss keiner Angst haben. Die Albaner sind freundliche Menschen und es wird sicher eine gute Stimmung im Stadion herrschen. Vielleicht müssen die Schweizer mit Pfiffen rechnen, aber das muss ich mit GC in Basel auch. Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr. Es wird ein spezielles Spiel für uns alle.

Und werden Sie Trainer De Biasi auch Schweizer Interna verraten?

Das weiss ich nicht. Wenn er mich fragt, kann ich sicher Auskunft geben.

Aber Sie wollen doch sicher nicht, dass sich die Schweiz nicht für die WM 2014 qualifiziert?

Klar will ich, dass sich die Schweiz qualifiziert, aber es muss ja nicht ausgerechnet in Albanien sein (lacht). Die Schweiz wird sich Platz 1 nicht nehmen lassen, aber auch wir haben noch eine kleine Chance und wollen in den letzten beiden Qualispielen noch etwas erreichen. Wir haben ein tolles Team und wir wollen Gas geben. Ob es am Ende auch für uns reichen wird, werden wir sehen.

Dann wäre Ihnen am liebsten, wenn sich die Schweiz und Albanien für Brasilien qualifizieren?

Genau. Das wäre optimal.

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