FA Rätia am Viva World Cup«Das Swat-Team auf der Tribüne war belustigend»
Als einzige Schweizer Fussballmannschaft hat der FA Rätia im Juni international gepunktet. Präsident Gimma über Militäreskorten, kurdische Gastfreundschaft und das arme Team aus Darfur.
Im Video: Die Mannen vom FA Rätia in Aktion (Videos: FA Rätia, Schnitt: Mathieu Gilliand/20 Minuten Online)
Der FA Rätia hat die Schweiz beim Viva World Cup, der WM der Regionen, im Irak vertreten (20 Minuten Online berichtete). Zurück in der Heimat klärt der Club-Präsident, der Bündner Rüpel-Rapper Gimma, einige Fragen.
Gimma, wie lange hat die Anreise zum Viva World Cup gedauert?
Gimma: Wir sind zuerst mit dem Zug neun Stunden nach Düsseldorf getuckert und haben dort übernachtet. Am nächsten Morgen ging es in einer Stunde zum Flughafen, dort zwei Stunden Aufenthalt, vier Stunden Flug. Dann drei Stunden mit dem Bus quer durch den Nordirak von Sulaymaniya bis Arbil: Vor Ort haben wir noch eine Stunde auf Hoteleinlass gewartet. Das ganze stilgerecht mit Polizei- und Militäreskorte im Konvoi.
Mit Eskorte?!
Ausserhalb des Hotels wurden wir immer von Polizei und Militär bewacht, wenn wir nicht gerade zu Fuss unterwegs waren. Ich weiss allerdings bis heute nicht, ob sie die Kurden vor uns schützen wollten – oder uns vor den Kurden! Es war stets sehr gastfreundlich um uns herum und wir hatten auch nie das Gefühl, von etwas abgeschottet worden zu sein. Im Strassenverkehr konnte das Militär sogar wahre Wunder vollbringen, damit wir pünktlich zu den Spielen kamen.
In Arbil waren Sie im Hotel untergebracht?
Ja, sowohl in Arbil als auch in Salahadin. Beide Male im Fünf-Stern-Upper-Class-Tempel. Der erste war dabei etwas familiärer, der zweite dafür im Stadtzentrum. Wir konnten von dort oft Basare und Sehenswürdigkeiten zu Fuss besuchen. Die Verpflegung war durch die Bank genial: Das Essen war etwas vom Besten, das ich je erleben durfte.
Wie sind Sie vom kurdischen Gastgeber empfangen worden?
Extrem freundlich. Das Miteinander war von grossem gegenseitigem Respekt geprägt: Die Kurden sind die perfekten Gastgeber. Wir haben versucht, das zurückzugeben und haben ebenfalls Geschenke an die Vertreter der Regierung, das Olympische Komitee und die anderem Delegationen verteilt.
Damit dürfte Ihr Club in Erinnerung geblieben sein ...
Wir waren perfekt vorbereitet und abgesehen von unserer sportlichen Härte aufgeschlossene Gäste. So kamen wir in Kontakt sowohl mit allen vor Ort als auch mit der Bevölkerung. Das wurde von den Medien vor Ort dokumentiert: Man kennt Rätien jetzt!
Beim Spiel gegen die Tamilen war Polizei auf der Tribüne. Was war passiert?
Bei einigen Teams schwingt natürlich ein politischer Unterton mit. Bei den Tamilen haben die Tamil Tigers ihre Finger im Spiel. Die hatten zwar weder auf das Spiel noch das Team wesentlichen Einfluss, aber auf der Bühne gab es natürlich Fans. Man wollte einfach um jeden Preis eine Eskalation verhindern. Eine rätische Hooligan-Szene gab es natürlich nicht, weshalb das Bild mit den SWAT-Teams bei unserem Match doch eher belustigend wirkte.
Haben Sie auch Spieler aus der Westsahara und Darfur kennen gelernt?
Ja, klar. Mit den Saharouis haben wir sportlich angebandelt. Man traf sich auf Augenhöhe und unser gemeinsames Spiel dürfte eines der härtesten des Turniers gewesen sein. Für sie war dieser Anlass eine wichtige Plattform, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, und bei den Manager-Gesprächen gab es einige für mich nur schwer zu begreifende Statements. Mit Darfur verband mich bereits am ersten Tag so etwas wie eine Freundschaft, allerdings nur mit den Spielern.
Das müssen Sie erklären.
Die Hilfsorganisation, welche das Team auf die Beine gestellt hat, war für uns in ihrem Auftreten unbegreiflich daneben. Als Resultat wurde das Team dann auch als einziges am Turnier vorgeführt – menschlich wie sportlich. Trotzdem haben wir uns auch da bemüht, Kontakte zu knüpfen. Mit den Spielern selbst haben wir uns bei einer Gelegenheit den Bus geteilt: Es gab eine grosse Singerei und Tanzerei. Das hätten die Medien sicher gerne auf Kamera gehabt: 20 Darfur-Spieler, die «Gimma, Gimma» singen, während ich durch den Bus hüpfe! Aber das sind Szenen, die wir für uns behalten – als schöne Erinnerung.
Die WM der Regionen findet nur alle zwei Jahre statt. Wie hält sich Ihr Team in der Zwischenzeit fit?
Unsere Spieler sind alle aktiv und steigen im Spätsommer wieder in die entsprechenden Ligen ein. Wir suchen übrigens auch nach wie vor neue. Auf unserer Webseite und Facebook findet man die Kontaktangaben. Die nächste Probetrainingseinheit wird im August stattfinden – und da hoffe ich, dass die ehemaligen und jetzigen Spieler nicht alle mit Wampen wie meiner auftauchen. Nächsten Sommer gibt es eventuell das erste Trainingslager, so der Sponsorengott will.
Die nächsten Matches sind auch schon in Planung?
Wir wollen mit frisch verstärktem Kader diesen Herbst in Monaco und im Vatikan antreten. Das sind zwei Teams der Weltrangliste aus unserer Region. Im Frühjahr stehen dann sicher wieder der Traditionsbesuch bei St. Pauli Hamburg und weitere Länderspiele an. Zudem möchte ich hier an dieser Stelle unsere langjährigen Kollegen von den «Tschutter»-Machern herausfordern: den FC Salgesch.