Ched EvansVergewaltiger sucht Verein
Zeigt ein Klub Interesse an Fussballprofi Ched Evans, löst das einen Sturm der Entrüstung aus. Der 26-jährige Waliser ist ein verurteilter Vergewaltiger.
An seiner Personalie scheiden sich die Geister. Ched Evans war einst ein talentierter Fussballer, brachte es vor einigen Jahren auf 16 Premier-League-Einsätze für Manchester City. Ched Evans ist zweifellos noch immer ein guter Stürmer, nur zeigen kann er es momentan nicht. Sobald ein Verein laut über eine Verpflichtung des 26-Jährigen nachdenkt, entzündet sich eine seit längerem schwelende Debatte von neuem: Darf ein Profiklub einen verurteilten Vergewaltiger unter Vertrag nehmen?
Den jüngsten Anlauf hat in diesen Tagen der englische Drittligist Oldham Athletic gestartet. Es kam, wie es kommen musste: Die Geschichte wiederholte sich. Die Transferabsicht rief zahlreiche Kritiker auf den Plan, löste ein gewaltiges Medienecho aus. Eine laut eigenen Angaben radikale Feministin mit dem Pseudonym Jean Hatchet lancierte am Sonntag eine Petition mit der Aufforderung an Oldham, Evans nicht unter Vertrag zu nehmen. Am Dienstagnachmittag hatten schon 50'000 Menschen ihre Unterschrift abgegeben, was die Petition zu einer der bisher am schnellsten wachsenden auf der Plattform Change.org machte. Im Text heisst es: «Wir glauben, dass Evans das Recht hat zu arbeiten. Wir meinen aber, dass es nicht in einer Rolle sein sollte, in der er Ansichten über sexuelle Gewalt beeinflusst, und seine Anwesenheit auf dem Platz wird dies tun.»
Keine Entschuldigung an das Opfer
Evans hatte im Mai 2011 in einem Hotel Sex mit einer 19-Jährigen gehabt, die ihn darauf anzeigte. Im April 2012 wurde er wegen Vergewaltigung zu fünf Jahren Haft verurteilt. Im Urteil stand: Die junge Frau sei zu betrunken gewesen, um einzuwilligen. Evans kam im Oktober 2014 vorzeitig frei und bestreitet seine Tat weiterhin. Er sagt, der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich geschehen.
Was viele Menschen irritierte: Evans wandte sich nach seiner Freilassung mit einer Videobotschaft an die Öffentlichkeit, gab sich reuig gegenüber seiner Familie und seiner betrogenen Freundin – eine Entschuldigung an das Opfer blieb jedoch aus. Dabei hatte die junge Frau schwere Zeiten durchlebt und gar eine neue Identität annehmen müssen, nachdem ihr Name getwittert und sie teils massiv bedroht worden war.
Die Meinungen über den 13-fachen Nationalstürmer divergieren. Er habe nach verbüsster Strafe eine Chance zur Resozialisierung verdient, finden die einen. Er habe in einer öffentlichen Position, die eine Vorbildfunktion einschliesst, nichts mehr verloren, sagen andere. Wie Jean Hatchet. Sie hatte bereits im November eine Petition lanciert, als Evans' früherer Klub Sheffield United mit einer Verpflichtung des aus der Haft entlassenen Vergewaltigers liebäugelte – und fand über 168'000 Gleichgesinnte, die ihr Ansinnen mit einer virtuellen Unterschrift unterstützten.
Selbst Premier Cameron bezog Stellung
Auch Prominente wie Jessica Ennis-Hill, Postergirl der Sommerspiele 2012 in London, schalteten sich in die Diskussion ein. Die Siebenkampf-Olympiasiegerin wollte ihren Namen von der nach ihr benannten Tribüne im Stadion an der Bramall Lane gestrichen haben, sollte Evans auch nur zum Training erscheinen. Selbst der britische Premier David Cameron stellte sich – am G20-Gipfel im australischen Brisbane – hinter Ennis. Sheffield sah schliesslich von einer Verpflichtung ab, zu gross war der Druck der Öffentlichkeit.
Welcher Klub zuletzt auch versuchte, sich Evans anzunähern: Er erntete Unverständnis, Protest, Wut. Nun also Oldham Athletic. Der Drittligist hatte für Montag eine Pressekonferenz anberaumt, diese aber gestrichen. Die Verantwortlichen wollen im Stillen über das weitere Vorgehen beraten. Der Sponsor der Haupttribüne hat bereits seinen Ausstieg angekündigt, sollte man Evans engagieren.