BremsklötzeWie Lüthi ohne Hinterbremse 5. wurde
Tom Lüthi (24) hat beim GP von Frankreich seinen ersten Moto2-Sieg und vielleicht den WM-Titel wegen eines Ersatzteils verspielt. Pfusch oder Pech? Das ist die grosse Frage.
Irgendwo da draussen am Rande der Rennstrecke bei Le Mans, in diesem flachen, bewaldeten Land westlich von Paris, durch das auch Wildschweine ziehen, liegen zwei Bremsklötze. Mit ziemlicher Sicherheit werden sie nie gefunden werden. Aber es sind Renntöff-Ersatzteile, die Teil einer ganz besonderen Geschichte sind.
Tom Lüthi, einer der Helden der Moto2-WM, hat sie verloren. Auf der Aufwärmrunde zu Rennen. Die Folgen sind dramatisch: Er hat keine Hinterradbremse mehr. Deshalb wird er am Schluss nicht siegen. Sondern bloss auf Rang fünf über die Ziellinie fauchen (20 Minuten Online berichtete).
Wie kann so etwas passieren?
Lüthi hat diese zwei Bremsklötze verloren, weil die Klammer aus Federstahl, mit der die Bremsklötze fixiert werden, gebrochen ist.
Die Frage steht im Raum: Ist die Federstahlklammer wirklich gebrochen oder haben die Mechaniker vergessen, die Bremsklötze zu fixieren? Diese Frage ist zwar ungeheuerlich. Aber sie muss gestellt werden: Die Karriere des amerikanischen Superstars Eddie Lawson ging in den 90er Jahren beispielsweise zu Ende, weil die Mechaniker an seinem Bike die Bremsklötze nicht fixiert hatten. Er donnerte beim GP der USA in Laguna Seca am Ende der Zielgeraden in die Strohballen. Die damaligen 500er-Boliden waren Zweitakter und hatten im Gegensatz zu den heutigen Moto2-Viertaktern auch keinerlei Motorenbremse.
«Es ist ein Materialfehler»
Eskil Suter, dessen Firma die Suter-Bikes herstellt, kann sich den Defekt (den Bruch der Klammer) an der Brembo-Bremsanalge nicht erklären. «Dieses Teil wird von Brembo geliefert und hält eigentlich ewig. Es muss sich um einen Materialfehler handeln. Wir reagieren und werden einen Weg finden, die Bremsklötze mit einer zusätzlichen Sicherung zu fixieren.» Er schliesst aber gegenüber 20 Minuten Online kategorisch aus, dass Lüthis Mechaniker vergessen haben, die Bremsklötze zu fixieren. «Starten Sie um Gottes Willen keine Polemik», sagt er zu dem hochheiklen Thema. «Es ist gar nicht möglich, dass die Bremsklötze nicht fixiert worden sind. Die wären ja den Mechanikern auf die Füsse gefallen.» Da aber auf der Aufwärmrunde die Hinterradbremse noch funktioniert hatte und der Defekt von Lüthi erst nach der anschliessenden Formationsrunde bemerkt wurde, waren die Bremsklötze richtig eingebaut. Also Freispruch erster Klasse für Lüthis Mechaniker auf der ganzen Linie. Es ist Pech, nicht Pfusch.
Vor zwei Wochen hat der Emmentaler den Sieg beim GP von Portugal in Estoril wegen eines Fahrfehlers (Sturz) verloren. Jetzt durch den Bruch eines Ersatzteils im Wert von nicht einmal drei Franken. Immerhin reichte es noch für Platz fünf. Nach einem Rennen ohne Hinterradbremse, einer der grössten fahrerischen Leistungen seiner Karriere. Niemand hätte ihm einen Vorwurf gemacht, wenn er das Rennen aufgegeben und an die Box zurückgekehrt wäre. Er bekommt auch ein Lob von Dominique Aegerter (20), seinem Schweizer Rivalen: «Bei Tests ist bei mir einmal die Hinterradbremse ausgefallen. Du kannst zwar noch fahren, aber Du verlierst Zehntelssekunden auf deine besten Rundenzeiten und es ist praktisch unmöglich, Zweikämpfe zu gewinnen.»
In der WM liegt Lüthi nach vier von 17 Rennen mit 47 Zählern ebenfalls auf dem fünften Zwischenrang, 30 Punkte hinter WM-Leader Stefan Bradl (77 Punkte). Die WM ist noch nicht verloren.